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20.10.2017 - An Berliner Grundschulen ist das Essen zu schlecht (Berliner Zeitung)

Das Schulessen in Berlin weist teils gravierende Defizite auf. „Kein Caterer ist bisher mängelfrei“, sagt Petra Hottenroth, Leiterin der neuen Kontrollstelle Schulessen, in einer ersten Bilanz der Berliner Zeitung.

Und das, obwohl in der Vergangenheit die Elternbeiträge deutlich angehoben wurden, um die Qualität zu verbessern. Hottenroths dreiköpfiges Team hat seit Januar die Küchen von 162 Grundschulen – das ist knapp die Hälfte der Berliner Grundschulen – sowie zwölf Zentralküchen der Essensanbieter inspiziert.

"Wir kommen immer unangemeldet, das ist ganz wichtig", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Hottenroth. Sie gehe meist in die Zentralküchen, ihre zwei Kollegen zeitgleich in die Ausgabe-Küchen. Ihre Befunde bisher: In vielen Fällen werden die Speisen zu lange warmgehalten. "Dann werden das Vitamin C und weitere Nährstoffe zerstört", sagt Hottenroth.

20 Mal Gemüse im Monat
Die Kontrolleure haben zudem zu geringe Obst- und Rohkostmengen und zu wenige Vollkornprodukte vorgefunden. Es würden zu viele panierte und frittierte Speisen angeboten. Außerdem weisen viele Speisen künstliche Aromen und Süßstoffe auf, obwohl dies in Berlin nicht erlaubt ist. Dabei erhöhte der Senat 2014 die Preise für das Schulessen, Eltern zahlen seither statt 23 Euro nun 37 Euro im Monat, hinzu kommt ein Landeszuschuss. Ein garantierter Preis von 3,25 pro Portion sollte die Caterer in die Lage versetzen, gesünder und vielfältiger als bisher zu kochen.

Im Gegenzug verpflichteten sich die Essensanbieter, sich nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu richten. Seither gilt in Berlin, dass es innerhalb von vier Wochen höchstens achtmal Fleisch, mindestens 20 Mal Gemüse und Salat sowie viermal Seefisch geben soll, davon zweimal fettreich.

Professioneller Umgang mit Speisen
Die Kontrollstelle, die am Bezirksamt Pankow angedockt ist und für alle Bezirke zuständig ist, soll das penibel überprüfen. Ein Hauptreizthema ist die Standzeit. Von der Herstellung in der Zentralküche bis zum letzten Kellenschlag in der Ausgabe-Küche soll es maximal 180 Minuten dauern.

In Berlin konnten die Anbieter bei der Ausschreibung weitere Pluspunkte sammeln, wenn sie eine noch geringere Standzeit garantierten. "Wer 120 Minuten versprochen hat, muss auch 120 Minuten liefern", sagte Hottenroth. Mitunter gibt es auch beim Erhitzen des angelieferten Essens Bedienungsfehler seitens der meist ungelernten Ausgabekräfte.

Diese gingen zudem nicht immer professionell mit den Speisen um. "Sie sollten nicht vor den Kindern ihren persönlichen Ekel zum Ausdruck bringen, wenn es etwa Sauerkraut gibt." Eine weitere Baustelle ist die Rohkostversorgung. 85 Gramm täglich soll jedes Grundschulkind erhalten.

Vegetarische Gerichte oft zu fetthaltig
Aber die Kinder essen nicht so viel. Deshalb wird viel weggeschmissen. Hottenroth schlägt einen Kompromiss vor: "Wichtig ist uns, dass auch das letzte Kind, das in die Mensa kommt, noch eine Auswahl hat." Die Rohkost könne nicht bereits um 12 Uhr mittags alle sein.

Den größten Handlungsbedarf sieht Chefkontrolleurin bei den vegetarischen Gerichten. Hier würden besonders häufig vorgefertigte Produkte verwendet, die frittiert oder paniert werden. Zum Beispiel Gemüsebouletten. "Bei vielen vegetarischen Gerichten ist nicht genug hochwertiges Eiweiß drin, dafür aber viel Fett", sagt sie. Manchmal würde auch nur Kartoffeln und Soße serviert. "Hier sollten die Hersteller über neue Produkte nachdenken."

Ein weiteres Problem ist, dass Salat oft viel zu warm serviert wird, Temperaturen von bis zu 20 Grad aufweist. "Dann wurde er nicht in die Kühltheke gestellt oder mit warmen Wasser gewaschen", erläutert Hottenroth.

"Das ist so wie wenn man sein Auto zum TÜV bringt."
Fettreicher Fisch mit den wertvollen Omega 3-Fettsäuren würde zu selten serviert, nicht zuletzt weil Lachs für die Anbieter vergleichsweise teuer ist. Und für Vollkornreis- oder -nudeln empfiehlt die Kontrolleurin attraktive Rezepturen.

Insgesamt sei es aber gut, dass Berlin nun nicht mehr den billigsten Anbieter bevorzuge, sondern nach Qualität gehe. Andere Bundesländer seien da noch nicht so weit. Norman Heise, Berlins oberster Elternsprecher, weist darauf hin, dass die Schulen immer voller seien und viele Grundschüler nicht genügend Zeit und Platz zum Mittagessen finden würden.

Rolf Hoppe, Sprecher des Caterer-Verbandes, räumt ein, dass sicherlich viele kleinere Fehler aufgefallen seien. "Das ist so wie wenn man sein Auto zum TÜV bringt." Er hoffe aber, dass durch die nun endlich begonnen Kontrollen die wirklich schwarzen Schafe entdeckt werden.