In Szenebezirken wie Prenzlauer Berg hat nachhaltiger Lifestyle Hochkonjunktur
Das Thema Nachhaltigkeit hat den Materialismus abgelöst. Das behaupten jedenfalls die Trendforscher und sprechen von "Neo-Ökologie". Sie verweisen auf die starke Nachfrage nach Pilgerurlauben zur Wiederherstellung der "Work-Life- Balance", die einen Ausgleich von Arbeit und Freizeit verspricht. Und sie sprechen vom "Urbanen Eskapismus" und beschwören "eine neue Synthese von Urbanität und Abenteuerlust", die sie nicht zuletzt an Trendsportarten festmachen. Allerorten machen Kletterhallen und Hochseilgärten auf. Outdooraktivitäten seien zum Gegenpol von Schnelllebigkeit und Technisierung geworden ? und prägen Lebensstil und Konsum. Ursachen sind ein Alltag, der Arbeitnehmern immer mehr Flexibilität abverlangt, ein von Sportlichkeit und Körperlichkeit geprägtes Idealbild des Äußeren und der Lebensstil der Nachhaltigkeit, der die Natur als Zufluchtsort propagiert. Besonders gut zu besichtigen sind diese Trends einmal mehr in Berlin.
In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele Naturkostläden und Biosupermärkte. Laut Naturkost.de sind es aktuell 176 ? Tendenz steigend, vor allem bei den Biosupermärkten. Allein die Ketten Bio Company, Alnatura, Viv, LPG und Basic betreiben zusammen 36 Filialen in der Hauptstadt. Und weil das noch lange nicht reicht, ist der 37. Markt schon in Planung: Im Oktober eröffnet die Bio Company ihre Filiale Nummer 16 im Prenzlauer Berg.
Bio boomt in Berlin. Auch wenn in der Wirtschaftskrise die Branche laut dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) nicht mehr so rasant wächst, wie in den Jahren zuvor, so kaufen doch weiterhin 70 Prozent der Berliner regelmäßig Biolebensmittel. Und da die Mehrheit das nach Angaben des vom Forsa Institut erstellten Bio-Barometers Berlin im konventionellen Supermarkt und nicht im Fachhandel tut, kann man ohne Zweifel sagen, dass in dieser Stadt der grüne Lebensstil längst nicht mehr ein Phänomen der Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability) ist, sondern absolut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Aber damit nicht genug. Nicht nur ökologisch produzierte Lebensmittel, vorzugsweise aus der Region, sind bei Berlinern gefragt. Auch Naturkosmetik ist auf dem Vormarsch. In Einkaufsstraßen wie der Schönhauser Allee wird der Trend augenfällig. Die Biokette Viv betreibt unter dem Namen Rosavelle bereits zwei Biodrogerien in Berlin. Neben einer fundierten Beratung erwartet die überwiegend weibliche Kundschaft in einer der beiden Filialen sogar Kosmetikbehandlungen und energetische Körperarbeit als zusätzliches Angebot. Und dass man seit einiger Zeit in konventionellen Drogeriemärkten auch Naturkosmetikmarken wie Weleda oder Lavera und sogar Eigenmarken der Drogerieketten findet, verwundert dann auch keinen mehr.
Das spricht gerade Familien mit Kleinkindern an, die nicht nur auf gesunde Ernährung, hautverträgliche Waschmittel und naturbelassene Pflegeprodukte achten, sondern insgesamt ein bewussteres Leben führen wollen. Sie sind ein starker Motor für die wachsende Bionachfrage in Berlin. Kein Wunder also, dass die großen Handelsketten ihre Biosortimente konstant ausweiten. Dennoch verzeichnen nicht sie, sondern die Biofachhändler stetige Umsatzsteigerungen. 2009 lag ihr Umsatzplus ? trotz Krise ? bundesweit bei 3,1 Prozent. Allein für Berlin schätzt Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau, den Umsatz mit Biolebensmitteln im Naturkostfachhandel auf 120 bis 150 Millionen Euro jährlich.
Bislang bleibt für diejenigen, die sich nicht für Bio entscheiden, der höhere Preis das hinderlichste Kriterium, wie die Studie "2010 Green Brands, Global Insights" ermittelt. Trotzdem haben über 30 Prozent der Deutschen vor, 2011 mehr für grüne Produkte und Dienstleistungen auszugeben. Ein gutes Vorzeichen für die Branche ? auch in Berlin, wo es seit 2008 mit Proviant Berlin sogar eine Manufaktur für handgemachte Bio-Smoothies gibt. Lecker. Es scheint nur noch eine Frage von Monaten zu sein, bis Hamburgerbräter in Berlin energieeffiziente Restaurants eröffnen, wie dies die Fast-Food-Kette Burger King kürzlich erstmals im beschaulichen wie badischen Waghäusel bei Bruchsal getan hat.
Die Biobandbreite der Hauptstadt-Läden kann also noch breiter werden, ist aber schon beachtlich: In der Stadt, die sogar für die Mittagsverpflegung an Grundschulen, je nach Bezirk, eine Bioquote von 10 bis 30 Prozent eingeführt hat, gehören mittlerweile Geschäfte mit chemisch unbelasteter Ökomode, ungiftigem Naturspielzeug oder grünen Möbeln und Lifestyleprodukten zum festen Bestandteil. Die Liste wächst fast von Tag zu Tag. Biocafés und -eisdielen nicht mitgerechnet.
Wer also einen Blick in den gerade erschienen Bioeinkaufsführer 2010/2011 für Berlin und Brandenburg wirft, findet rund 350 interessante Adresse in 13 übersichtlich sortierten Rubriken von "Bio-Höfe mit Ab-Hof-Verkauf" bis "Verarbeiter und Lieferanten" (www.bio-berlin-brandenburg.de). "Die regionale Biobranche ist äußerst vielfältig und innovativ. Bestes Beispiel hierfür sind die zwei neueröffneten Biomolkereien in Münchehofe und Biesenthal, deren gläserne Produktionsstätten kleine und große Besucher begeistern", sagt FÖL- Geschäftsführer Michael Wimmer. Der Bioeinkaufsführer gebe viele Tipps, wie und wo man Bio ganz hautnah erleben kann. Genau das begeistert vor allem Kinder, wie die Vorschulgruppe der Kita "be smart academy".
Das alles passt gut in den aktuellen Zeitgeist. Sich im Großstadtalltag pragmatisch durchschlagen zu müssen, mit dem Rad statt dem Auto zu fahren, vom Büro noch ins Fitnessstudio und von dort in die Kneipe zu pendeln: All das befördert zum Beispiel bequeme Lösungen für Taschen und Bekleidung ? und im Verhalten. Daher die Hinwendung zu Natur und Natürlichkeit und eine Rückkehr zu Stoffen sowie Biobaumwolle. Und deshalb verschmelzen beim Möbeldesign die Unterschiede von Stücken für Drinnen und Draußen, wie auf den zurückliegenden Messen in Köln und Mailand zu sehen war. Auch Nachhaltigkeit hat, so scheint es, viele materielle Aspekte.


