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22.02.2011 - Besser als Bio (Berliner Zeitung)

Ihr ganzes Elend wollen die Spitzenköche mit zwei Körben verdeutlichen. Einer ist voll mit Paprika, Salat, Gurken, Möhren, Fenchel, Kohlrabi. An diesem Korb hängen Schilder der Herkunftsländer: Italien, Spanien, Israel, Holland, Frankreich. Daneben steht ein Korb mit dem Schild: Berlin-Brandenburg. Der Korb ist leer. Nur am Boden liegen ein paar Wunschzettel der Köche: alte Apfelsorten, artgerecht aufgezogene Hühner, Rinder und Schweine, frische Kräuter, alte Salatsorten.

Fünf Berliner Spitzenköche haben sich im Swissotel am Kurfürstendamm versammelt, um ihre Aktion "Koch sucht Bauer" vorzustellen. Sie wollen Brandenburger Landwirte finden, die ihnen exzellente Produkte liefern. Die Köche behaupten, sie bekämen "auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall" weder tagesaktuell geerntetes Gemüse, noch fangfrischen Fisch oder artgerecht aufgezogenes Lamm aus der Region. "Die Qualität, die es über den Großhandel gibt, wird immer schlechter", sagt Sternekoch Marco Müller aus der Weinbar Rutz. Obst und Gemüse werden teilweise leicht radioaktiv bestrahlt, damit es haltbarer ist. Es werde unreif geerntet, um besser transportiert werden zu können. "Wir wollen frische und vor allem schmackhafte regionale Produkte."

Bislang kaufen sie vor allem bei Großlieferanten, die ihre Produkte meist aus Frankreich oder Italien holen. Der regionale Biogroßhandel ist ihnen oft zu teuer. "Manchmal reicht Bio einfach nicht", sagt Sternekoch Peter Frühsammer. Er wolle zum Beispiel keine Eier aus Massentierhaltung, selbst wenn die Bio sei. "Ich suche einen Familienbetrieb mit ein paar Hühnern, ich suche Gemüse, das noch jung ist, Rote Beete, die nicht groß ist wie Tennisbälle."

Der Staatssekretär im Potsdamer Agrarministerium, Rainer Bretschneider, begrüßt die Initiative ausdrücklich. "Wir brauchen in der Tat mehr direkte Kooperation zwischen Gastronomie und Landwirtschaft", sagt er. "Ich habe Mitte 2010 einen gemeinsamen Gesprächskreis initiiert, der genau dieses Ziel verfolgt." Dabei kooperiert der Gaststättenverband mit dem Erzeugerverband Pro Agro. Gleichzeitig sagt Ministeriumssprecher Lothar Wiegand, dass es in Brandenburg mit dem bundesweit größten Biolandbau natürlich "richtig gute Produkte" gebe. "Dass die Köche sie noch nicht gefunden haben, kann vielleicht auch daran liegen, dass sie sich noch nicht die Mühe gemacht haben, danach zu suchen."

Die Spitzenköche stehen vor einem Dilemma: Sie wollen absolute Topqualität, besser als Bio, aber sie nehmen nur recht kleine Mengen ab. Kein Brandenburger Bauer fährt für 20 Eier und einer Kiste Äpfel nach Berlin. Die Köche gestehen auch ein, dass sie nicht die Zeit haben, ständig übers Land zu fahren, um nach guten Erzeugern zu fahnden oder gar selbst Landwirtschaft zu betreiben. "Deshalb bilden wir ja nun ein Netzwerk in Berlin, nehmen dadurch größte Mengen ab und bieten den Landwirten auch mehr Sicherheit für ihre Planung", sagt Peter Frühsammer. Nun hoffen die Köche, dass sich möglichst viele Bauern an ihrem Casting beteiligen, damit die sich dann in ihren Regionen zusammenschließen können, um ihre Produkte gemeinsam nach Berlin zu liefern.

Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft ökologischer Landbau (FÖL) findet die Initiative wunderbar. "Großartig, dass endlich mal jemand Qualität einfordert", sagt er. Denn in Deutschland regiert das Discountprinzip: Hier wird Qualität fast immer vom Preis geschlagen. "Was ich aber bei den Spitzenköchen nicht ganz verstehe: Wenn ihnen ein Brandenburger Bio-Huhn aus dem Großhandel zu teuer ist, wie kann dann eines aus Frankreich billiger sein?" Aber es stimme: Die Qualität der Lebensmittel ist in Deutschland nicht so gut. "Die Hersteller in Europa liefern ihre 1a-Ware immer erst nach Italien oder Frankreich, nicht nach Deutschland. Deshalb betrachten unsere Brandenburger Bauern die Qualitätsinitiative der Köche als Einladung."

Interessierte Bauern, aber auch weitere Köche, die mitmachen wollen, können sich laut Netzwerk ab sofort unter der E-Mail-Adresse kontakt[AT]koch-sucht-bauer.de melden.