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20.10.2011 - Bio-Boom auf Kuba: Ochsen brauchen keinen Diesel (Berliner Zeitung)

Synthetischer Dünger ist auf der Karibikinsel schwer zu beschaffen. Was tut man? Kurzerhand wird darauf verzichtet. Ein Beispiel, wie nach und nach eine Öko-Landwirtschaft entsteht - aus der Not.

Die Sonne hängt knapp über dem Horizont, die rote Erde ist schwer und feucht. Alfredo Díaz steht in löchrigen Stiefeln, olivgrünen Militärhosen und dreckigem Hemd am Feldrand, auf dem Kopf einen Strohhut. Vor den Pflug hat er seine beiden Ochsen gespannt, kräftige, stoisch dreinblickende Tiere. "Die laufen immer", sagt Díaz. Er habe auch mal einen Traktor gehabt, erzählt der 48-jährige Kubaner, einen Rosthaufen aus sowjetischer Produktion, den er "auf Umwegen" gekauft hatte.

Auf welchen Umwegen, das will Alfredo Díaz nicht verraten, doch egal – der Traktor fuhr praktisch nie. Entweder fehlte ein Ersatzteil oder es gab wieder einmal keinen Diesel. Also tauschte Alfredo ihn – abermals "auf Umwegen" – gegen die Ochsen ein. "Die arbeiten auch ohne Erdöl." Er habe gezögert, sagt er, denn Ochsen statt eines Traktors, das sah doch sehr nach einem Rückschritt aus. Heute aber wisse er: "Es war ein Schritt vorwärts in eine bessere Zukunft."

Pestizide sind Mangelware
Alfredos Acker liegt zwei Kilometer außerhalb von El Cedro, einem Dorf in der Provinz Villa Clara in Zentralkuba. Er hat ihn vor zwei Jahren vom Staat gepachtet. Die Regierung von Präsident Raúl Castro will die Produktion von Lebensmitteln ankurbeln und gibt deshalb Schritt für Schritt brachliegende Nutzflächen für Kleinbauern frei. Alfredo, vormals Angestellter eines maroden Großbetriebs, ist auf das Angebot eingegangen. Seine zwei Hektar Land bewirtschaftet er mit selbst gezogenem Saatgut nach Bio-Grundsätzen. Auch deshalb, weil synthetische Dünger, Herbizide und Pestizide knapp und schwer zu beschaffen sind in Kuba. Und "weil das Gemüse schließlich auch ohne Chemie gedeiht", wie er betont. "Weil es dann noch besser schmeckt."

Biologischer Pflanzenschutz, Gründüngung, Fruchtfolge – immer mehr kubanische Bauern finden aus der Not heraus zu einer ökologischen Landwirtschaft. In den letzten 20 Jahren ist eine Art Graswurzelbewegung gediehen, die immer größer wird.

Einer der Pioniere dieser Bewegung ist Humberto Ríos, 48 Jahre alt, Doktor der Agronomie, Umweltaktivist und seit drei Jahren Bauer mit eigenem Hof in Guatao bei Havanna. Anfang der 90er Jahre zog der Gelehrte aufs Land zu den Bauern, forschte mit ihnen über Ackerbau ohne Chemie, veranstaltete Saatgut-Börsen. 2001 rief er zusammen mit dem Nationalen Institut für Agrarwissenschaften und 25 Bauern das „Programm für Innovationen in der lokalen Landwirtschaft“ – kurz: "Pial" – ins Leben.

Die Regierung habe das Projekt lange Zeit eher wider Willen unterstützt: "In unserem Staat will man die Probleme immer von oben nach unten und stets im Großen lösen", sagt Ríos. "Das scheitert dann meist im Kleinen und endet im Nichts." Er denkt umgekehrt: Alles müsse von klein auf wachsen wie eine Pflanze. Die Wurzeln der Landwirtschaft seien doch die Bauern, nicht die Bürokraten.

Die Deutsche Welthungerhilfe und staatliche Entwicklungshelfer aus Kanada sowie der Schweiz unterstützen das Programm zur Selbsthilfe seit mehreren Jahren. Binnen vier Jahren soll es selbstständig sein und sich ohne fremde Hilfe entwickeln können. 80.000 kubanische Bauern beteiligen sich bereits, beackern ihre Böden umweltschonend, erzeugen mit Biomasse und Photovoltaik-Anlagen ihren eigenen Strom. Das tun sie nicht unbedingt aus ökologischem Sendungsbewusstsein, sondern weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Ríos sagt: "Bei vielen kommt das Umdenken und das ökologische Bewusstsein erst mit der Praxis."

Wie vor der Revolution
Auch der Staat hat umgedacht, ebenfalls aus der Not heraus. Zwischen 1960 und 1990 wurde die Landwirtschaft auf Kuba technisch hochgerüstet. 90.000 Traktoren wurden aus der Sowjetunion importiert, die Zahl der Ochsen schrumpfte von 400.000 auf 100.000 Tiere. Dann brach mit dem Zusammenbruch des europäischen Realsozialismus auch in der karibischen Dependance die Krise aus. Es gab kein Geld mehr für Importe von Dünger, Ersatzteilen, Treibstoff. Daraufhin startete die Regierung in den 90er Jahren ein eigenes Viehzuchtprogramm und entwickelte neue Geräte, die von Tieren gezogen werden können. Heute arbeiten auf Kubas Feldern wieder so viele Ochsen wie vor der Revolution von 1959.

Wissenschaftler und Agrarinstitute haben Projekte und Produkte entwickelt für eine "organische Landwirtschaft", wie die Bio-Wirtschaft auf Kuba heißt. Ein Großprojekt sind die "Organopónico", urbane Gemüse- und Gewürzgärten in Städten und Dörfern. Mehr als 7.000 davon gibt es bereits. In Anbau, Verkauf und Weiterverarbeitung arbeiten 380.000 Kubaner.

Das Neue auf Kuba kann auch deshalb gedeihen, weil die Alten an der Macht die Insel-Ökonomie nach wie vor nach Kräften vor Fremden abschotten, die zu viel mitreden, mitmischen und vor allem mitverdienen wollen. Für ausländische Firmen ist Kuba ungemütlich. Der Staat ist allmächtig und kompliziert, er diktiert das Geschäft. Mancher Investor hat auf Kuba sein Geld oder den Verstand oder beides verloren – "zum Glück für unser Land", sagt Umweltaktivist Humberto Ríos ungerührt.

Stille Revolution auf Kuba
Darin sind sich jene, die sich wie Ríos für eine "Landwirtschaft von unten" einsetzen, einig: Hätten die Castros in der Not Tür und Tor geöffnet für ausländisches Kapital, würde Kuba heute seine Böden nach den Rezepten und mit Mitteln der Agro-Multis bebauen. "Der Kampf gegen diese Konzerne ist auch so schon hart", meint Ríos. Mit einzelnen Agrarkonzernen habe die Regierung nämlich dann doch Geschäfte gemacht – wenn auch in eher kleinem Rahmen. So werde in einigen Provinzen Genmais angebaut, doch das Volk wird davon nicht informiert, ebenso wenig jene Agrarökologen, die im Auftrag des Staates die Öko-Projekte vorantreiben.

"Verkauft sich Kuba an diese Konzerne, wäre das fatal für die Bauern und die ökologische Landwirtschaft", sagt Ríos. Für ihn hat der Bio-Boom auf Kuba auch eine politische Dimension: Die Erfahrung, dass eine andere Landwirtschaft möglich ist, mache die Bauern unabhängiger – vom Öl, aber auch vom Staat, der weiter alles in seinen Händen halten wolle, das aber schon lange nicht mehr könne.

Nach wie vor lässt auch die Agrarreform des autoritären Pragmatikers Raúl Castro den größten Teil des Bodens im Besitz des Staates. "Doch Kubas Landwirtschaft wird allmählich privatisiert, zumindest in den Köpfen der Bauern," sagt Humberto Ríos. "Sie fühlen sich verantwortlich für den Boden und das, was sie produzieren." Diese Eigenverantwortung in einem Land, wo der Staat alles bestimmt, komme einer "stillen Revolution" gleich.