Immer mehr ökologisch erzeugte Lebensmittel werden aus dem Ausland eingeführt.
Die Produktion von Bio-Lebensmitteln in Deutschland kann die rasant wachsende Nachfrage immer weniger befriedigen. Wie eine neue Studie der Universität Bonn ergab, ist die Bundesrepublik inzwischen der größte Absatzmarkt für Produkte des ökologischen Landbaus in Europa. Doch während der Handelsumsatz zwischen 2000 und 2009 um rund 180 Prozent angestiegen ist, geht das Wachstum an den deutschen Erzeugern zunehmend vorbei. Flächenanteil und Anzahl ökologisch bewirtschafteter Betriebe wuchsen im gleichen Zeitraum nur um 75 Prozent.
Förderung gesenkt
Als Folge daraus verlieren deutsche Bio-Produkte immer mehr Anteile am heimischen Markt. "Dies ist insbesondere beim Image prägenden Segment Obst und Gemüse zu verzeichnen", schreiben die Agrarwissenschaftler Ulrich Köpke, Daniel Neuhoff und Paul Martin Küpper in der Studie, die sie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion erstellten. "Egal ob Äpfel, Erdbeeren oder Tomaten - die Marktanteile sinken im untersuchten Zeitraum kontinuierlich." Auch ökologisch erzeugtes Getreide und Futtermittel müssten zunehmend aus dem Ausland eingeführt werden. So verlagere sich die Wertschöpfung bei Bio-Lebensmitteln zu immer größeren Anteilen ins Ausland - vor allem nach Osteuropa, wo es deutlich weniger Käufer für Bioprodukte gibt.
"Nach langen Transporten ist Bio aber oft nicht mehr Öko", kommentiert die Grünen-Agrarexpertin Cornelia Behm die Ergebnisse in Anspielung auf den Ausstoß von Treibhausgasen von Lkw und Flugzeugen. Das sei von den Verbrauchern so nicht gewollt und spreche für eine Ausweitung der heimischen Bioproduktion - ebenso wie der wachsende Wunsch nach sicheren Lebensmitteln. "Wer gesunde Lebensmittel will, sollte in erster Linie auf regionale Produkte zurückgreifen, denn je weniger Zwischenhändler, umso besser die Rückverfolgbarkeit", sagte Behm.
Als Grund für die Auseinanderentwicklung von Angebot und Nachfrage sehen die Wissenschaftler die politischen Weichenstellungen seit 2005. Seit Amtsantritt der großen Koalition sowie auch unter Schwarz-Gelb sei die Förderung für Bio-Landbau systematisch gesenkt worden. Insgesamt seien die Fördergelder für die Umstellung auf Öko-Landwirtschaft beim Vergleich der Jahre 2004 und 2009 im Bundesdurchschnitt um rund elf Prozent gekürzt worden. Gleichzeitig setze die Regierung auf die Exportförderung von konventionellen Erzeugnissen, etwa Milchprodukte für den Nahen Osten oder billiges Schweinefleisch für ostasiatische Länder.
Andere EU-Länder haben derweil die Chance erkannt. Sie setzen ihre Fördergelder ein, um den Export von Bio-Lebensmitteln für den deutschen Markt zu stärken. Auffällig seien die starken Zuwächse der Anbauflächen in Spanien, Schweden, Tschechien, Polen, Lettland, Litauen, Portugal und Rumänien. So ist die Öko-Fläche in Polen zwischen 2004 und 2008 um 279 Prozent auf 314.000 Hektar gestiegen. In Deutschland betrug der Zuwachs 18 Prozent, die Bio-Fläche lag 2008 bei 908.000 Hektar.
Die Folgen zeigen sich im aktuellen Dioxin-Skandal. Da Öko-Lebensmittel wegen ihrer Futtervorschriften bisher nicht von Dioxin-Verdachtsfällen betroffen sind, sorgt der Run auf Bio-Eier bereits für Engpässe, sagte Felix Löwenstein, Chef des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft, der Berliner Zeitung. Auch die Öko-Lebensmittelkette Tegut sowie Bioland, der führende ökologische Anbauverband in Deutschland, bestätigen den Trend. Die Ware könne teilweise nicht schnell genug nachgeliefert werden, da Bio-Eier und -fleisch ohnehin knapp seien. Laut dem Bundesverband Naturkost/Naturwaren verzeichnen Bio-Großhändler seit Weihnachten bis zu 30 Prozent Umsatzplus bei Eiern. Die Bio-Metzgerei Packlhof, die alle Alnatura-Filialen beliefert, verzeichnete bis zu 30 Prozent mehr Bestellungen.
Keine Skandalgewinne
Aber freuen können sich die Bio-Hersteller darüber nicht so recht. "Solche Stromstöße helfen niemandem", sagt Löwenstein. Der Umsatz mit Bio-Eiern könne höchstens durch den Import von ausländischen Bio-Eiern gesteigert werden. "Es gibt keine kurzfristigen Skandalgewinne", betont auch der Bioland-Sprecher. "Wir verkaufen schneller, aber nicht mehr", betont er. Gewinnen könne das Segment nur, wenn die Verbraucher langfristig dabeiblieben. Nur dann würden neue Bio-Ställe aufgebaut und Betriebe umgestellt.


