Dioxin-Skandal ist Thema auf der Grünen Woche / Tausende demonstrieren für faire Landwirtschaft
Er hatte sich um fünf Uhr aus dem Bett gequält. Stefan Rottstock war mit dem Traktor aus Deutsch Bork bei Beelitz (Potsdam-Mittelmark) zum Berliner Messegelände gefahren. Mehr als drei Stunden hat er auf seiner behäbigen Landmaschine gehockt. "Aber für eine gute Sache", schnauft Rottstock, als er am Sonnabend Vormittag wie 70 andere Bauern aus ganz Deutschland auf der Überholspur der Masurenallee hält. Direkt vor dem Messegelände, auf dem gerade die Grüne Woche stattfindet. Mit seinem Vater betreibt der 25-Jährige in Deutsch Bork einen 250 Hektar großen Biolandhof. 50 Kühe, 150 Gänse, alles ganz bescheiden. Dass die industrielle Landwirtschaft, die sich auf der Grünen Woche präsentiert, nicht so bescheiden ist, macht Rottstock wütend. "Unser Profit – Euer Hunger. Ihre Ernährungsindustrie" steht auf dem Transparent, das der junge Mann an seinem Traktor befestigt hat.
In der Brandenburghalle gibt es keinen Hunger. Dafür Bier, Bratwurst und Blasmusik vom Jugendblasorchester Buchholz (Potsdam-Mittelmark). Mehr als 80 märkische Betriebe bieten ihre Produkte häppchen- und schlückchenweise an. Volker und Annette Witt aus Löwenberg (Oberhavel) kommen jedes Jahr auf die Grüne Woche. Mit rund 1.600 Ausstellern aus 60 Ländern ist die weltgrößte Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau auch in der 76. Auflage ein Superlativ. "Wir wollen sehen, was die Länder kulinarisch zu bieten haben. Brandenburg interessiert uns als Einheimische natürlich besonders", so Volker Witt, während er den Stand der Straußenfarm Winkler aus Neulöwenberg (Oberhavel) mustert. Den Dioxin-Skandal verfolgt das Ehepaar. Mehr aber auch nicht. "Es ist nicht so, dass wir deshalb nur Bio-Produkte kaufen", sagt Witt. Es habe ja auch BSE und Gammelfleisch gegeben. "Wenn man danach geht, kann man nichts mehr essen", findet er.
Stefan Rottstock, der vor dem Messegelände bei zwei Grad Minus bibbert, sieht das anders. "Der Dioxin-Skandal zeigt, dass die Lebensmittel so billig produziert werden müssen, dass man zu faulen Tricks greift." Gentechnik, Pestizide, Massentierhaltung, das sind Reizwörter für ihn. "Die Bauern sind abhängig von der Futtermittelindustrie. Eigentlich dürften sie nur so viele Tiere haben, dass sie sie mit Futter aus eigenem Anbau ernähren können." Bio und kleine Bauernhöfe, das sei die Lösung. "Die Leute müssten nur mehr für Lebensmittel ausgeben."
In der Bio-Halle 6.2a, wo sich rund 60 Aussteller auf 3.000 Quadratmetern präsentieren, ist man dazu durchaus bereit. "Wir lassen unser Kind nur mit Bio-Kost aufwachsen. Auch wenn das mehr kostet", sagt André Hocker, der seinem zweijährigen Sohn Emil gerade eine Nudel-Gemüsepfanne für 6,50 Euro in den Mund schaufelt. Für den Magdeburger sind nur Produkte aus ökologischem Anbau gesund. Massentierhaltung ist ihm zuwider. Da sei auch der Dioxin-Skandal kein Wunder. "Es stimmt doch etwas nicht, wenn es Hähnchenschenkel für 2,50 Euro im Supermarkt gibt. Da muss man umdenken", sagt der Familienvater.
So wie Petra und Siegfried Ludwig aus Brandenburg/Havel. "Wir kaufen vorsichtshalber nur noch Bio-Eier. Und Bio-Fleisch schmeckt auch besser", so Siegfried Ludwig, der sich am Stand von Bio-Fleischer Thönes aus Bollewick (Mecklenburg/Vorpommern) Salami einpacken lässt. Viele seiner Kunden fänden auf der Grünen Woche zum ersten Mal den Weg an die Bio-Theke, meint Bruno Jöbkens: "Sie wollen wissen, was in der Wurst ist. Und wir können garantieren, dass unser Fleisch nicht dioxinbelastet ist."
Sabine Niebuhr, als Projektorganisatorin für die Bio-Halle zuständig, sieht einen Aufwärtstrend an allen Ständen. "Die Hemmschwelle ist kleiner geworden, nicht nur durch den Dioxin-Skandal. Früher haben viele Verbraucher die Produkte als Öko-Kram abgetan", so Niebuhr. Unterdessen beschwichtigt Monika Lahrssen-Wiederholt in der Halle des "Erlebnisbauernhofes" im Minutentakt. "In den Stoßzeiten kommen hier innerhalb von zehn Minuten hundert Leute, die wissen wollen, wie gefährlich Dioxin ist", sagt die Tierärztin vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Ihre Erläuterungen beruhigen die meisten aber.
"Selbst wenn ein Erwachsener täglich zwei Eier essen würde, deren Dioxingehalt zwölfmal über dem Grenzwert läge, wäre er meilenweit davon entfernt, krank zu werden", sagt die Expertin. Den Bio-Boom könne sie nicht nachvollziehen. So seien etwa Fleisch oder Eier aus biologischem Anbau oft dioxinhaltiger als jene aus industrieller Landwirtschaft. "Dioxin heftet sich an Staubpartikel, die von den Tieren mit dem Gras gefressen werden", sagt sie. Davon seien vor allem Tiere betroffen, die wie in der ökologischen Haltung viel im Freien sind.
Draußen auf der Masurenallee drückt Demo-Leiter Georg Janßen Staatssekretär Robert Kloos vom Bundeslandwirtschaftministerium einen Katalog mit Forderungen in die Hand. Die dringendste: Ein Gespräch mit Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Kloos lächelt staatsmännisch und verspricht, sein Bestes zu tun. Die Bauern klettern zurück auf ihre Traktoren. Viel Zeit bleibt nicht. In einer halben Stunde startet am Hauptbahnhof eine Demonstration gegen die industrielle Landwirtschaft. Stefan Rottstock weiß, dass die Demonstration nicht die Welt verändern wird. "Aber wenn die Leute nur mal darüber nachdenken, was sie essen, haben wir schon was erreicht", hofft er.


