Sie haben sich als Neu-Berliner einst selbst auf die Suche nach gastronomischen Bio-Tempeln begeben. Nun haben die Utopisten Patrick Bolk und Sandra König mehr 100 persönliche Tipps in dem Büchlein ?Berlin isst Bio? zusammengetragen. Utopia hat mit den beiden über ihre Hauptstadt-Kostproben gesprochen.
Utopia: "Berlin isst Bio? heißt Ihr Buch, das als Reiseführer durch die Berliner Gastronomieszene gedacht ist. Ist die Hauptstadt Ihrer Meinung nach da weiter als andere deutsche Städte?
Patrick Bolk und Sandra König: Berlin ist unserer Meinung nach auch die Bio-Hauptstadt Deutschlands. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es eine solche Menge und Vielfalt an biogeprägter Gastronomie wie hier. Selbst auf manchen Trödelmärkten gibt es plötzlich ein wachsendes Angebot an Bio-Snacks. Und die Dynamik ist groß. Da auf dem Laufenden zu bleiben, ist überhaupt nicht so einfach, zumal die Stadt nun auch riesig ist.
Mittlerweile kontaktieren uns aber häufig Gastronomen von sich aus, um "getestet" zu werden. Das hier biomäßig so viel passiert, liegt sicherlich einerseits an der Größe der Stadt, anderseits an der Mentalität der Berliner: Hier wird, so unser Eindruck, schneller "einfach mal probiert", etwas zu eröffnen. Und das in einem Stadtteil wie Kreuzberg, der sehr alternativ geprägt ist, so viel in "Sachen Bio" passiert, verwundert da nicht sonderlich.
Könnten Sie ein Städte-Ranking aufstellen? Wo ist in Deutschland gastronomisch die Diaspora, wenn jemand Bio essen möchte?
Unser Ranking, was die "Bio-Hochburgen" in Deutschland betrifft: Nach Berlin folgen München, denn in Bayern ist der Anteil der Bio-Landwirtschaft sehr hoch. Und Hamburg, weil es spannende, neue und sehr moderne Restaurants gibt. Aber auch in Düsseldorf, Köln, Freiburg oder Dresden kann man mittlerweile zunehmend gut "bio" essen. Das war vor wenigen Jahren noch ganz anders, da musste einer schon sehr genau und gezielt suchen.
Wir können aber kein regionales Gefälle feststellen. Die Anzahl der Bio-Restaurants hängt wohl stattdessen sehr stark mit der Größe der Stadt wie auch leider den Einkommensverhältnissen der Menschen zusammen. Bio-Gastronomie ist natürlich teurer als konventionelle, nicht ohne Grund.
Wie sind Sie zu der Idee gekommen, einen grünen Gastronomieführer zu verfassen?
Wie vieles andere auch, ist die Idee aus persönlichen Erfahrungen entstanden. Eine Stadt zu besuchen hieß für uns immer Recherche nach Bio-Restaurants, Bio-Cafés und so weiter. Irgendwann haben wir angefangen, das ordentlich aufzuschreiben oder auf Stadtplänen kleine Markierungen aufzukleben. Und schließlich kam uns die Idee, einen Blog zu schreiben, um das Wissen mit anderen zu teilen. Das Interesse war groß, und irgendwann haben wir uns dann gefragt, warum es für Berlin noch keinen Bio-Gastronomieführer gibt, höchstens hier und da Adressverzeichnisse ohne genauere Beschreibung. Also haben wir das "einfach" selbst gemacht. So ganz einfach war es dann aber doch nicht.
Und wie sind Sie vorgegangen? Sind Sie überall als Testesser eingefallen...?
Tatsächlich haben wir alles, was im Büchlein vorgestellt wird, selbst getestet. Einiges hatte sich im Verlauf der Zeit schon an Erfahrungen angesammelt. Also haben wir weiter recherchiert und einige für uns neue Adressen getestet, bis wir den Eindruck hatten, jetzt ist es annähernd vollständig oder bietet zumindest einen guten Überblick.
Welches Buch-Projekt steht als nächstes an? Ein grünes Kochbuch vielleicht? Oder Bio-Führer für andere Städte?
Es gibt wirklich die ein oder andere Buchidee. Wir würden gerne den "Berlin isst Bio"-Guide auch in englischer Sprache anbieten, bei so vielen Touristen in dieser Stadt würde sich das sicherlich lohnen. Anfragen gibt es schon. Und die zweite Idee ist in der Tat, Bio-Führer für andere Städte zu schreiben. Bei allem Enthusiasmus ist natürlich zu beachten, dass wir das Ganze leider nicht alleine machen können, wir brauchen da schon Unterstützung, sprich einen kleinen Sponsor, da es eine ganze Menge Arbeit ist, und wir leider auch irgendwie über die Runden kommen müssen. Man darf auch nicht vergessen, dass auswärts bio essen gehen immer Geld kostet. Falls sich da jemand findet, würden wir das total gerne machen, klar.
Kochen Sie selbst gerne?
Auf jeden Fall, und Sandra kann es sogar gut!
Was machen Sie beide, wenn Sie kein Buch über Berlin schreiben?
Wir arbeiten an unserem ersten eigenen Laden. Im Juli wird in Kreuzberg unser Geschäft mit dem Namen "Everyday is like sunday" eröffnet. Angeboten werden dort Öko-Fashion, Bio-Feinkost und schöne, möglichst nachhaltige Design-Produkte. Wir suchen übrigens noch Berliner Designer, die Lust haben, uns ihre Sachen anzubieten. So ganz "nebenbei" verdienen wir unseren Lebensunterhalt mit der grafischen Gestaltung von Broschüren und Flyern mit unserer kleinen Firma "Heimarbeit". Ansonsten gehen wir gerne ins Kino, fahren Rad, und liegen faul im Park rum. Wir versuchen uns nicht zu sehr zu stressen und schöne Tage zu haben.
Sie sind beide Utopisten ? womit haben Sie angefangen?
Angefangen hat das bei uns mit der Ernährung, der Umstellung auf regionale, fair hergestellte und biologische Lebensmittel. So nach und nach haben wir aber auch den Rest auf den Prüfstand gestellt. Wir haben angefangen, Ökofashion oder Second Hand zu kaufen, unser Leben auszumisten, keinen unnötigen Elektroschrott zu kaufen, kein Auto, sondern viel Fahrrad zu fahren und viele andere Kleinigkeiten zu beachten, die die Welt so ein ganz klein wenig besser machen. Das ist nicht immer einfach, aber wir finden, dass es sich lohnt.
Welche Tipps würden Sie Einsteigern in das Thema ?nachhaltig essen und kochen? denn gerne geben?
Nichts Spektakuläres oder Neues. Also generell achten wir darauf, dass wir dort wo es geht entweder fair Gehandeltes kaufen. Da ist uns der Fairtrade-Gedanke näher als das Bio-Siegel, wobei viele Fairtrade-Produkte auch "bio" sind. Ähnliches gilt für regionale und saisonale Produkte. Es ist auch nicht unbedingt nachhaltig und sinnvoll, argentinische Bio-Birnen zu kaufen. Besonders wichtig finden wir den größtmöglichen Verzicht auf Fleisch. Nicht nur in Berlin gibt es tolle vegetarische Bio-Restaurants, und zuhause vegetarisch kochen ist auch nicht schwerer als mit Fleisch zu kochen. Es gibt beispielsweise wirklich leckere Tofu-Sorten!
Mehr Infos liefert ein Klick auf den Blog von Patrick Bolk und Sandra König. "Berlin isst Bio" ist über den Buchhandel und den Bestellbereich der FÖL erhältlich.


