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08.12.2009 - Bio-Hoodies aus Berlin (Die Zeit)

Kenan Polat und Eva-Anke Weber stellen Kapuzenpullover aus Biobaumwolle her. Ihr Modelabel Ken Panda trifft den Zeitgeist.

Online-Shops sind ein Fluch für kleine Boutiquen. Kunden, die ihren Einkaufskorb im Internet füllen, gefährden die Existenz der Einzelhändler. Für Kenan Polat und seine Lebensgefährtin Efka Weber hingegen sind Online-Shops ein Segen. Seit zwei Jahren betreiben die jungen Eltern das Berliner Modelabel Ken Panda. Ihre ausgefallen bedruckten Kapuzenpullover aus Bio-Baumwolle vertreiben sie ausschließlich im Internet über ein externes Portal, auf dem Künstler und Kreative ihre Waren anbieten können, eine Art Amazon für die Macher von Mode und Schmuck.

Der Vorteil für die Anbieter: Der Betreiber des virtuellen Marktplatzes behält im Gegensatz zu den Boutiquen nur fünf Prozent des Verkaufspreises ein. "An einem Pullover, der im Laden verkauft wird, würden wir nur wenige Euro verdienen und das würde zum Leben kaum reichen", erklärt Kenan Polat. So reicht es inzwischen. Für eine kleine Wohnung mit anliegendem Atelier am Rande des Berliner Szenebezirks Friedrichshain und auch für das schmale Gehalt der drei Praktikantinnen, die im Atelier helfen.

Das Atelier ist Ken Pandas Werkstatt, dominiert von einem großen weißen Tisch, auf dem sich Scheren und bunte Stoffreste verteilen. Im Hintergrund mischt sich das Surren der Nähmaschinen mit dezenter Reggae-Musik. An einer langen Kleiderstange hängen die unzähligen Kapuzenpullover. Weiße mit einem blauen Entenmuster, grau melierte mit rosanen und blauen Spielzeugautos, schwarze mit kupferfarbenen Pflanzenelementen.

"Hoodies sind klassisch, sie werden nie aus der Mode kommen", sagt Kenan Polat; seine Partnerin und er haben sich bislang auf die Produktion von Kapuzenpullovern beschränkt: "Mit den Motiven kann man wunderbar auf den Zeitgeist reagieren." Zeitgeist. Polat mag das Wort, das aus dem Englischen in zahlreiche andere Sprachen übernommen worden ist. Was er denn nun sein Beruf sei? Modedesigner? Schneider? Unternehmer? Model? "Ein bisschen von allem", sagt Polat, "vielleicht ein Zeitgeistler."

Eigentlich hatte er Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Ein Fach, mit dem ihn heute nur noch die Excel-Tabellen, mit deren Hilfe er seine Bestellungen verwaltet, verbinden. Nach drei Jahren brach er das Studium ab, lernte wenig später Eva-Anke kennen. Sie betrieb damals ein kleines Modegeschäft, in dem sie eigens produzierte Unikate verkaufte.

Inspiriert von seiner Freundin beginnt Kenan Polat überschüssigen Stoff mit Restbeständen von Siebdruckfarbe zu bedrucken. Für das erste Schnittmuster steht ein Pullover Pate, den ihm Eva-Anke geschenkt hatte: "Das erste Mal, dass mir ein Oberteil wie angegossen passte."

Kenan Polat findet Gefallen am Schneidern, Drucken und Gestalten. "Man kann gar nicht das Falsche studieren, man muss nur zusehen, später das Richtige zu machen", meint der Quereinsteiger. Vor zwei Jahren dann entstand sein erster Hoodie: Weiß mit roten Pandas, in stundenlanger Handarbeit mit einer Schablone und einer Walze bedruckt. "Kaum hing der Pullover in Eva-Ankes Laden, war er auch schon verkauft", erinnert sich Kenan. Das Modelabel Ken Panda war geboren.

Eva-Anke gibt den Laden schließlich auf, das Paar richtet sein Augenmerk auf Ken Panda. Die Geschäfte laufen zunächst schleppend. Um die Sommermonate zu überbrücken, in denen die Nachfrage nach flauschigen Pullovern eher gering ist, verkauft Kenan seine Hoodies auf einem großen Berliner Flohmarkt

Über die Verkäufe im Internet wird Kenan per SMS informiert, eine Kurzmitteilung für jeden abgesetzten Hoodie. Anfangs piepst das Handy selten, auch die Online-Plattform ist neu und auf Kundensuche. Im November 2008 bekommt Kenan plötzlich fünfundzwanzig SMS an einem Tag. Der Durchbruch.

Das Weihnachtsgeschäft läuft glänzend, Eva-Anke und Kenan, gerade Eltern geworden, nähen, drucken und versenden, so schnell sie können. Auch Kenans Mutter hilft im Betrieb mit. Sie war erst 16, als Kenan auf die Welt kam, und arbeitete als Industrienäherin. "Nie konnte sie mir bei den Hausaufgaben helfen. Sie war nie richtig zur Schule gegangen", erzählt der junge Designer. Nun ist das anders: "Mama näht einen Pulli in 20 Minuten, ich kenne keine Frau, die schneller an der Nähmaschine ist. Zum ersten Mal kann sie mir helfen."

Es habe lange gedauert, bis sich feste Strukturen entwickelten, sagt Polat. Heute bedruckt sein Modelabel ganze Stoffbahnen. Jetzt, vor den Wintermonaten, stapeln sie sich auf einer Ablage unter der Decke des Ateliers. Für die Kleidungsstücke werden ausschließlich Biostoffe verwendet, die das Modelabel über deutsche und niederländische Händler aus der Türkei bezieht. "Nachdem ich viele Horrorgeschichten über die Produktion von Baumwolle gehört hatte; von Bauern, die von all den Giften krank wurden, von Grundwasser, das durch die Pestizide verschmutzt wurde, habe ich mich nach Alternativen umgesehen", erzählt der 30-Jährige. Deshalb "Organic Cotton".

In Zukunft wollen Kenan Polat und Eva-Anke Weber auch Kleider, Hosen, vielleicht sogar Jacketts produzieren. Keine Hoodies bis zum Lebensende. Ebenfalls nicht ausgeschlossen wird ein kleiner Laden in der Innenstadt, ein zweites Standbein neben Flohmarkt und Online-Shop.