"Geheimsache Bio" hieß ein Halbstunden-Beitrag, den der Norddeutsche Rundfunk am Mittwochabend, den 7.10.09, in seiner Sendung "Panorama ? Die Reporter" brachte. Themen waren der Kupfereinsatz im Obstbau, die Geflügelhaltung und die Frage, ob Bio gesünder sei. Panorama ließ die Bio-Branche und ihre Vertreter darin ziemlich schlecht aussehen.
Leo Frühschütz hat sich den Film angesehen. Am Donnerstagabend, den 8.10.09, lief der Beitrag noch einmal in gekürzter Fassung im Ersten. Tenor dort: Massentierhaltung im Bio-Landbau. Neues hat "das investigative Politformat des NDR" (Eigenwerbung) nicht berichtet. Wer sich nur ein bisschen mit Ökolandbau auskennt, weiß, dass im Obst-, Wein-, Hopfen- und Kartoffelanbau Kupferpräparate eingesetzt werden. Die Diskussion darüber geht seit Jahrzehnten. Doch bisher waren alle Anstrengungen, Kupfer zu minimieren oder gar ganz zu ersetzen, nur bedingt erfolgreich.
Neu ist auch nicht, dass es in der Öko-Geflügelhaltung agrarindustrielle Strukturen gibt, Unternehmen, die Zehntausende von Biohühnern halten sowie Probleme bei deren Kontrolle. Das alles können interessierte Verbraucher (und Journalisten) seit Jahren im Kundenmagazin Schrot&Korn ebenso nachlesen wie in den Bio-Schlechtmach-Büchern von Miersch & Co.
Bekanntes künstlich aufgebauscht
Die Journalisten von Panorama haben ihre Story dennoch als große Enthüllungsgeschichte aufgemacht ? und das handwerklich sehr gut. Ordentlich auf Skandal gebürstet, kräftig schwarz-weiß gemalt und die Branchenvertreter, die ein differenziertes Bild darstellen wollten, schlecht aussehen lassen. Kein Laie merkt, dass da aus den längeren Interviews genau die Passagen genommen wurden, die in das Schwarz-Weiß-Gemälde passten.
Natürlich stimmt das idyllische Bild, dass sich viele Verbraucher von der Bio-Produktion machen, oft nicht mit der Wirklichkeit überein. Aber es reicht nicht aus, mit dem Zeigefinger auf diese Diskrepanz zu deuten und ?Skandal!? zu schreien. Man müsste ? journalistische Aufklärung ernst genommen ? den Zuschauern auch erklären, warum "Bio" keine heile Welt ist und welche Rolle sie selbst als Verbraucher dabei spielen.
Auf Aufklärung der Verbraucher verzichtet
Ein guter Anlass dafür wäre die Szene mit dem ehemaligen Manager gewesen, der jetzt im Wendland 500 Hühner hält und als Kronzeuge für die heile Biowelt auftritt. "Können sie denn von den Eiern ihrer 500 Hühner leben?" hätte die Frage lauten müssen. Vielleicht hat die Reporterin Anja Reschke sie ja gestellt. Gesendet wurde sie auf jeden Fall nicht. Denn natürlich kann dieser Nebenerwerbslandwirt von den geschätzten 100.000 Eiern, die seine Tiere pro Jahr legen, nicht leben. Selbst wenn er unrealistische 10 Cent je Stück verdienen würde.
Womöglich wäre die Reporterin dann darauf gekommen, dass der Riss innerhalb der Bio-Branche bei den Eiern woanders verläuft: Zwischen den bäuerlichen Familienbetrieben, die mit 3.000 oder 5.000 Legehennen kaum überleben können und Agrarindustriellen wie Hennenberg und Tiemann mit Zehntausenden von Tieren. Vielleicht hätte sie dann auch recherchiert, wie viel die Erzeugung eines Bio-Eis kostet und was der Verbraucher bei Aldi dafür zahlt. Und hinterfragt, wie das zusammengehen soll.
Kein Wort über schorfresistente Apfelsorten
Auch beim schorfigen Apfel, den der Obstbau-Forscher in die Kamera hält, hätte man einhaken können. Vielleicht hätte es die Zuschauer ja interessiert, dass es schorfresistente Sorten wie Topaz gibt, die man nicht mit Kupfer spritzen muss. Dass es andere Apfelsorten wie Gala gibt, die für den Bio-Anbau eigentlich ungeeignet, weil zu empfindlich sind. Dass sie aber dennoch produziert werden, weil die Kunden sie wollen. Es ist der Kunde, der entscheidet, ob er Topaz oder Gala kauft. Aber wenn er nur Panorama schaut, erfährt er das nicht.
Da erfährt er nicht einmal den Unterschied zwischen chemisch-synthetischen und natürlichen Pflanzenschutzmitteln. Statt dessen erklärt eine Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Risikobewertung, dass die üblichen Pestizidrückstände kein Problem sind. Das wird weder hinterfragt, noch durch eine Gegenposition relativiert (bei anderen taucht da meist Manfred Krautter von Greenpeace auf). Auch kein Wort davon, dass (egal ob schädlich oder nicht) Bio-Obst und Gemüse 300 bis 400 mal weniger Pestizidrückstände enthält als konventionelles. Da hätte man gar nicht investigativ nachforschen müssen. Das steht im Ökomonitor der baden-württembergischen Lebensmittelbehörde.
Fazit: Einer der Beiträge, von denen es noch viele geben wird. Der Quote zuliebe auf Skandal getrimmt. Da wird sich die Bio-Branche dran gewöhnen müssen und gegensteuern, indem sie nicht nur immer die Vorteile von Bio darstellt, sondern gegenüber den Verbrauchern auch die Probleme offen kommuniziert.
Zum Thema:
NDR-Sendung
Pressemitteilung von Bioland
Pressemitteilung von Naturland


