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31.10.2017 - "Bio ist keine Alternative" (taz)

Friederike Schmitz lehnt Öko-Tierhaltung ab: So oder so werde ein Wesen getötet. Sie findet, dass man sich auch ohne Fleisch, Milch und Eier gut ernähren kann.

taz: Frau Schmitz, Sie lehnen Fleisch, Milch und Eier ab, weil die Tiere leiden würden. Warum kommen selbst Bioprodukte für Sie nicht infrage?

Friederike Schmitz: Bio ist keine Alternative, schon weil die meisten Biotiere im normalen Schlachthof getötet werden. Der Transport ist oft äußerst leidvoll, manchmal funktioniert die Betäubung nicht. Dann werden die Tiere bei vollem Bewusstsein abgestochen. Auch in der Biohaltung werden Rindern die Hörner ausgebrannt, auch da werden routinemäßig die Eltern von den Kindern getrennt.

Manche Höfe halten ihre Rinder auf der Weide und töten sie dort schnell und quasi schmerzlos. Reicht das nicht?

Erstens ist das kein Modell, mit dem wir viele Tierprodukte herstellen können. Zweitens erleidet das Tier einen Schaden, auch wenn es nichts von seinem Tod mitkriegt. Es verliert immer noch sein Leben. Wir würden es ja auch nicht akzeptabel finden, einen Menschen um die Ecke zu bringen, nur weil es heimlich und ohne Schmerzen passiert.

Trotzdem sind Tierschützer dafür, die Tierhaltung beizubehalten. Tierrechtler wie Sie dagegen wollen sie abschaffen. Können beide Gruppen dennoch zusammenarbeiten?

Ich könnte mir solche Koalitionen vorstellen, wenn die Tierschützer aufhören würden, minimal verbesserte Bedingungen zu bewerben. Nicht akzeptabel finde ich zum Beispiel, dass der Verein Provieh Fleisch von Ebern anpreist, die zwar nicht kastriert wurden, aber ansonsten unter denselben schlimmen Bedingungen wie die meisten anderen Schweine gehalten wurden. Der Deutsche Tierschutzbund sollte aufhören, sein Tierschutzlabel zu propagieren, das ebenfalls kaum Fortschritt bringt. Solche Projekte schaden eher mehr, als sie nutzen.

Warum?

Weil sie die Leute beruhigen, dass alles in Ordnung sei, obwohl typischerweise auch unter verbesserten Bedingungen Tiere stark leiden. Deshalb sollten wir uns politisch darauf konzentrieren, die Tierhaltung zu reduzieren, anstatt sie zu verbessern.

Wie könnte eine Allianz zwischen Tierschützern und -rechtlern konkret aussehen?

Meine Gruppe „Tierfabriken-Widerstand“ zum Beispiel arbeitet mit Bürgerinitiativen gegen Mastanlagen und Schlachthöfe zusammen. Die sind meistens nicht vegan. Aber die wollen eine Verringerung der Tierhaltung, und es ist klar, dass im Rahmen gemeinsamer Kampagnen nicht für Biotierhaltung geworben wird.

Gehen Sie davon aus, dass ein Tier genauso viel Recht auf Leben hat wie ein Mensch?

Ja, ethisch lässt sich ein Unterschied zwischen fühlenden Tieren und Menschen nicht rechtfertigen – auch wenn das praktisch schwer umzusetzen ist. Entscheidend ist, dass sie empfindungsfähig sind.

Aber Tiere unterscheiden sich doch von Menschen in vielen anderen Aspekten, Hühner beispielsweise sind weniger intelligent.

Warum sollte man jemanden töten dürfen, nur weil er keine moralische Verantwortlichkeit hat oder weniger intelligent ist? Solche Unterschiede sind nicht moralisch relevant. Viele der angeblichen Unterschiede zwischen Menschen und Tieren treffen auch nicht auf alle Menschen zu. Säuglinge etwa sind nicht sprachfähig oder nicht moralisch verantwortlich. Doch das ist natürlich kein Grund, sie töten zu dürfen.

Trotzdem widerspricht es der Intuition der meisten Menschen, dass ein Tier- genauso wichtig wie ein Menschenleben sein soll. Was sagen Sie dazu?

Die These, dass wir keine Tiere töten sollten, um sie zu essen, braucht keine Gleichstellung von Menschen und Tieren. Man kann auch sagen: Tiere zählen zwar weniger als Menschen, aber so viel, dass wir sie nicht ausbeuten sollten. Und es ist ja so: Ich kann mich gut ernähren, auch ohne dass ich Tiere töte. Ich muss weder Fleisch noch Milch oder Eier essen, um mich zu ernähren.

Vegane Ernährung kommt nicht ohne künstliche Vitamin-B12-Zusätze etwa durch Pillen aus. Sonst drohen langfristig Mangelerscheinungen. Zeigt das nicht, dass der Mensch von Natur aus tierische Lebensmittel braucht?

Wenn wir heutzutage Tiere essen, ernähren wir uns ja nicht natürlich. Im Gegenteil: Wie die Tiere produziert werden, ist alles andere als natürlich. Natürlichkeit ist auch kein ethischer Maßstab. Die medizinische Versorgung beispielsweise ist nicht natürlich, aber trotzdem gut.

Brauchen wir Nutztiere, um Dünger für die Biolandwirtschaft zu produzieren, die ja auf Kunstdünger verzichtet?

Es gibt erfolgreich wirtschaftende Biobetriebe, die ohne tierische Exkremente arbeiten: im bioveganen Landbau. In Deutschland sind das nur wenige Betriebe, in England schon seit Jahrzehnten mehr, mit eigenem Anbauverband. Jetzt entsteht auch hier ein Verband.

Es gibt keine belastbaren Daten, wonach diese bioveganen Betriebe dauerhaft und nachhaltig genügend hohe Erträge produzieren. Bio hat eh schon circa ein Drittel weniger Erträge als konventionell. Kann das funktionieren?

Von den Ressourcen her ist es viel besser, auf tierische Produkte zu verzichten. Wir brauchen viel weniger Fläche, wenn wir kein Weideland mehr nutzen und keine Futtermittel mehr herstellen müssten, die dann an Tiere verfüttert werden. In dem Sinne sind auch niedrige Erträge verkraftbar, weil wir anderweitig so viel Fläche einsparen würden. Das wäre auch im Hinblick auf Umwelt und Klima besser.

Aber Bioprodukte sind schon jetzt bedeutend teurer als konventionelle. Biovegane wären noch teurer. Würde es da nicht noch schwieriger, Bio am Markt durchzusetzen?

Es braucht einen grundlegenden Kurswechsel und eine umfassende Agrarwende, die Wirtschaftsstrukturen und Machtverhältnisse ändert. Als Gesellschaft wären wir doch leicht in der Lage, eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft ohne Gewalt und Ausbeutung zu organisieren – und auch die Früchte fair an alle zu verteilen. Im Moment sind Fleisch und Produkte aus industrieller Landwirtschaft ja auch nur scheinbar günstig. In Wahrheit zahlen wir alle den Preis – in Form von Klimawandel und Umweltschäden. Oder das Wasser wird teurer, weil es wegen zu viel Dünger aufwendig gereinigt werden muss. Es geht darum, das politisch anders zu gestalten.

Und wenn wir doch mehr Dünger brauchen?

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir im Moment viel zu viel davon haben, das ist das aktuelle Umweltproblem. Langfristig wäre das Richtige: Wir bringen die Nährstoffe aus unseren eigenen Ausscheidungen wieder aufs Feld. Dann wäre der Nährstoffkreislauf wirklich geschlossen. Es ist ein Irrglaube, dass die Tiere für eine Kreislaufwirtschaft nötig sind. Die müssen ja auch erst Nährstoffe aufnehmen, die anderweitig hergestellt werden müssen.

Aber Klärschlämme enthalten doch auch Schwermetalle und Krankheitserreger.

Ja, deshalb werden sie zurzeit nur begrenzt als Dünger verwendet. Es sind aber Methoden in der Entwicklung, die Nährstoffe zur sicheren Verwendung herauszuholen.

Fast alle Tierethiker sind dagegen, Fleisch zu essen. Wie kann es überhaupt eine erkenntnisreiche Diskussion über das Für und Wider geben?

Man diskutiert ja auch mit anderen Leuten als mit Tier­ethikern. Der Bauernverband zum Beispiel ist ganz anderer Meinung.

Das ist ein ungleicher Kampf: Philosoph gegen Bauer.

Ja, aber der eigentliche Konflikt besteht nun einmal zwischen dieser gut begründeten ethischen Position und der gesellschaftlichen Realität. Unter Ethikern ist die Sache tatsächlich ziemlich klar.