Naturkost-Supermärkte suchen Verkaufspersonal. Ein Berliner Bildungsträger bietet entsprechende Fortbildungen an.
Ein Jahr lang war Peter Reinert arbeitslos -trotz zahlreicher Bewerbungen und langjähriger Berufserfahrung als Fachverkäufer im Einzelhandel. Dann nahm an er einer achtmonatigen Fortbildung zur Naturkost-Fachkraft teil. Acht Tage nach dem Abschluss hatte er eine Stelle in einem großen Bio-Supermarkt. "Ich verdiene mehr als im konventionellen Einzelhandel, das Betriebsklima ist besser und ich habe mehr Verantwortung", freut sich der 26-jährige Berliner und klingt immer noch, als könne er sein Job-Glück selbst kaum fassen.
Seine Geschichte hört sich tatsächlich an wie aus dem Bilderbuch. Möglich ist sie derzeit in einer Branche, die seit Jahren wächst -wenn auch inzwischen nicht mehr so rasant wie noch bis Mitte der Nullerjahre. Im konventionellen Einzelhandel und bei Discountern ist der Umsatz mit Biolebensmitteln im vergangenen Jahr zurückgegangen. Der Fachhandel hingegen legte zu und machte trotz Wirtschaftskrise ein Umsatzplus von vier Prozent.
Know-how ist nötig, denn Bio braucht Beratung
Der Trend geht also eindeutig zu Bio-Supermärkten mit entsprechend breitem Sortiment. Allein 2009 wurden in Deutschland 31 solcher Fachgeschäfte eröffnet. Jedes von ihnen sucht Personal -und findet es nicht immer auf Anhieb. "Es ist schwierig, auf dem freien Markt Verkaufsmitarbeiter mit Bio-Know-how zu finden", sagt Frank Osarek, Personalleiter bei Bio-Company. Das Handelsunternehmen hat 16 Filialen in Berlin, Potsdam und Hamburg und beschäftigt insgesamt 400 Mitarbeiter. Und die müssen mehr können, als lediglich Regale aufzufüllen, Ware auszuzeichnen und zu kassieren. "Der Beratungsanteil in Biomärkten ist viel höher als in konventionellen Läden", sagt Osarek. "Denn unsere Kunden wollen ganz genau wissen, was in den Produkten steckt."
Sind die Äpfel gespritzt? Welche Brotsorte empfehlen Sie bei Glutenallergie? Diese und ähnliche Fragen müssen Verkäufer im Bio-Supermarkt deshalb aus dem Eff-eff beantworten können. Einen anerkannten Ausbildungsberuf, der dieses Wissen vermittelt, gibt es allerdings bis heute nicht. Deswegen ziehen sich die großen Bio-Ketten ihr Personal selber heran: Bei der Bio-Company beispielsweise werden zurzeit 60 junge Menschen zum Einzelhandelskaufmann mit Schwerpunkt Naturkost ausgebildet. "Unsere Azubis haben gute Chancen, übernommen zu werden", so Osarek. "Auch die Aufstiegschancen sind gut. Nicht selten sind unsere stellvertretenden Markt- oder Filialleiter ehemalige Auszubildende."
Auch Alnatura, die bundesweit am stärksten expandierende Biokette, bildet aus. Die Lehrstellen sind beliebt, nicht nur weil die Hierarchien des Handelsunternehmens flach sind. Die angehenden Einzelhandels-, Büro- oder IT-Kaufleute kommen außerdem in den Genuss unkonventioneller Lern-Methoden. Denn sie müssen während ihrer Ausbildung nicht nur auf einem Biobauernhof und in einer Biobäckerei arbeiten, sondern auch ein Theaterstück entwickeln. "Das fördert Selbstbewusstsein und Ausdrucksfähigkeit", sagt Pressereferentin Stefanie Neumann.
Alnatura eröffnet im Schnitt jährlich acht bis zehn Filialen mit 10 bis 15 Mitarbeitern. Kein Wunder, dass das Unternehmen händeringend Mitarbeiter sucht. Wer eine Zusatzqualifikation im Bereich Naturkost vorweisen kann, hat besonders gute Chancen, eingestellt zu werden -so wie Peter Reinert, der sich bei Forum Berufsbildung weitergebildet hat. Das Berliner Institut hat schon früh den Bedarf an Fachkräften in der Naturkost-Branche erkannt: Gründer Helmut Riethmüller hatte Anfang der 80er-Jahre selbst einen Bioladen, lange bevor der "sustainable lifestyle", der nachhaltiger Lebensstil also, in Mode kam. "Schon damals war der enorme Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal absehbar", sagt Riethmüller.
Leichter Einstieg in die Biobranche
25 Jahre später gibt es bei dem Kreuzberger Bildungsinstitut ein in Deutschland einzigartiges Angebot an Zusatzqualifikationen, die den Einstieg in die Biobranche erleichtern: Man kann sich zum Ernährungscoach, Gesundheits- oder Naturkost-Fachberater sowie zum Kaufmann im Einzelhandel für Naturkost weiterbilden oder umschulen lassen. Es gibt Präsenzseminare und Fernstudiengänge, berufsbegleitende Lehrgänge, Azubi-Pakete oder Fortbildungen mit Praktika. Auf aktuelle Entwicklungen in der Branche reagiert der freie Träger schneller als der Gesetzgeber.
Als sich abzeichnete, dass Verbraucher immer mehr Geld für Naturkosmetik ausgeben -seit 2004 hat sich der Anteil der Naturkosmetik am Gesamtmarkt verdoppelt -konzipierte Forum Berufsbildung einen Fernlehrgang zur Naturkosmetik-Fachberaterin. Das hat sich in der Branche herumgesprochen: Inzwischen melden sich die großen Bioketten schon direkt bei dem Berliner Institut, wenn sie Verkaufspersonal brauchen. Viele Teilnehmer der Seminare oder Lehrgänge haben bereits eine Ausbildung hinter sich oder zumindest Erfahrungen im Service oder Handel gesammelt. "Die meisten bekommen die Weiterbildung vom Arbeitsamt, Rententräger oder den Berufsgenossenschaften finanziert", sagt Elisabeth Pfeiffer, die bei Forum Berufsbildung den Lehrgang zur Naturkost-Fachkraft koordiniert. Es gibt aber auch Selbstzahler.
Die Erfolgsquote ist hoch: 70 Prozent der Absolventen finden eine Stelle, auch wenn es sich manchmal um einen Teilzeitjob oder eine Stelle auf 400-Euro-Basis handelt. "Oft werden die Teilnehmer nach den Praktika weiterbeschäftigt. Denn dort knüpfen sie schon während der Ausbildung wichtige Kontakte", sagt Pfeiffer. Der große Personalbedarf im Bio-Einzelhandel wird anhalten: Forum Berufsbildung hat 2008 untersucht, wie viele Verkaufsmitarbeiter in der Naturkostbranche benötigt werden. "Wir kamen auf 1000 Stellen, der Bedarf ist heute, also zwei Jahre später, sicherlich weiter gestiegen", so Pfeiffer. Allein die Bio-Company eröffnet noch in diesem Jahr drei neue Filialen in Berlin.
Mehr Infos: www.forum-berufsbildung.de


