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12.06.2010 - "Das Bio-Bashing hat mit dem Erfolg zu tun" (Berliner Zeitung)

Wissenschaftler Urs Niggli weist die Kritik an Bioprodukten zurück. Um das gute Image der Waren zu halten, sei aber ein besseres Qualitätsmanagement nötig.

Herr Niggli, schon wieder taucht eine Studie - diesmal der Stiftung Warentest - Biolebensmittel in ein schlechtes Licht...

Ich finde die Warentest-Studie eigentlich recht ausgewogen.

Die Medien meldeten unisono: "Biolebensmittel sind nicht gesünder." Erzählen Sie mir doch nicht, dass Sie das freut!

Nein, es freut mich nicht, die Verwertung durch die Medien ist extrem verkürzt. Aber prinzipiell gilt, dass der Ökolandbau ja nie behauptet hat, dass es bei den Hauptnährstoffen Unterschiede zwischen Öko- und konventionell hergestellten Lebensmitteln gibt. Eine Landwirtschaft, die mit Kunstdünger Getreide antreibt, erzielt natürlich höhere Eiweiß-Gehalte. Es ist aber bewundernswert, wenn der Ökolandbau ohne Kunstdüngung - durch sehr gutes Management der Kulturen und gute Ausnutzung der Bodenfruchtbarkeit - eine vergleichbare Qualität erreicht. Was mich ein bisschen ärgert, ist, dass auch die Stiftung Warentest jene Punkte, bei denen sich Biolebensmittel positiv abheben, als nicht besonders relevant abtut.

Die da wären?

Bei den sogenannten sekundären Pflanzenstoffen punkten Biolebensmittel. Sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole und Carotinoide werden von den Pflanzen gebildet, um sich gegen Krankheitserreger zu verteidigen. Ihnen werden positive Wirkungen auf die Gesundheit zugeschrieben. Die Stiftung Warentest bestreitet zwar den Vorteil der Biolebensmittel in diesem Punkt nicht, aber sie tut ihn als nicht relevant ab. Dabei hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bereits 1996 festgestellt, dass sekundäre Pflanzenstoffe in der Nahrung dazu beitragen, das Krankheitsrisiko bezüglich vieler Erkrankungen zu senken.

Mich wundert, dass Sie nicht als erstes die Pestizide erwähnen.

So viel zur medialen Verdrehung, Bio sei angeblich nicht gesünder: Während die konventionelle Landwirtschaft in der Europäischen Union 400 chemische Substanzen spritzt und den Lebensmitteln mehr als 300 Zusatzstoffe zugibt, verzichtet der Biolandbau mit einer Ausnahme auf chemisch-synthetische Substanzen. Es gibt auch keine Routineanwendung von Medikamenten. Das Ergebnis können wir jetzt wieder einmal nachlesen: Die Stiftung Warentest bescheinigt 75 Prozent der Biolebensmitteln, frei von Pestiziden zu sein. Und dabei haben Bioprodukte mindestens die gleiche Qualität und die gleiche Sicherheit in Bezug auf Keime - auch das bestätigt die aktuelle Studie. Statt das herauszustellen, reitet die Studie penetrant darauf herum, dass einige Biorapsöle nicht so gut schmecken und Biobabybrei weniger Vitamin C hat als wünschenswert wäre.

Nur 16 Prozent der konventionellen Lebensmittel waren pestizidfrei. Allerdings lagen 91 Prozent der belasteten Waren unter den gesetzlichen Höchstgehalten - alles okay also?

Nein, überhaupt nicht. Ich wehre mich gegen die ständige Verharmlosung der Risiken von chemischen Substanzen in der Umwelt und in der Ernährung.

Und was stimmt?

Meeresbiologen warnen uns vor den Auswirkungen der oft hormonähnlich wirkenden Pestizide auf die Nahrungsketten der Fische im Meer. Und was mögliche Gesundheitsrisiken angeht: Es gab in der Vergangenheit immer wieder Substanzen, die nachträglich vom Markt genommen werden mussten. Das wird auch in Zukunft passieren, denn Wissenschaft und Behörden beurteilen Substanzen aufgrund des momentanen, meist noch unvollständigen Wissens.

Die Warentest-Studie ist die zweite innerhalb eines Jahres, die versucht, Meinung zu machen. Wie erklären Sie sich diesen Eifer der Ökogegner?

Das Bio-Bashing hat sicher mit dem Erfolg des Ökolandbaus zu tun. Auch damit, dass dessen Vertreter gerne als Musterknaben auftreten. Das fordert natürlich Widerspruch heraus. Zwar arbeitet die ganze Landwirtschaft mit heilen Bauernhofidyllen, aber es macht am meisten Spaß, den Ökolandbau zu entlarven. Zuletzt hat das der US-Forscher Joseph Rosen versucht, der allerdings, ohne neue Daten beizubringen, bloß längst Bekanntes polemisch interpretiert.

Rosen hat auch die europäische QLIF-Studie kritisiert, an der Sie beteiligt waren: Hat er Recht?

Das EU-Projekt hat zahlreiche Facetten der Qualität untersucht - auch, was die Verbraucher von Bioprodukten erwarten und wie die Qualität auf dem Acker, in der Tierhaltung und bei der Verarbeitung weiter gesteigert werden kann. Rosen hat vor allem kritisiert, dass manche unserer Ergebnisse noch nicht von unabhängigen Forschern geprüft wurden. Bisher sind knapp 90 Beiträge in wissenschaftlichen Journalen mit externer Begutachtung durch andere Wissenschaftler erschienen. Publiziert sind auch die Ergebnisse unserer Milchstudie: Dank der artgerechten Fütterung ist Biomilch für die Ernährung deutlich besser. Noch nicht von unabhängigen Forschern geprüft wurden die Ergebnisse der Qualitätsuntersuchungen an pflanzlichen Lebensmitteln sowie der Fütterungsversuche mit Tieren. Doch bis Ende des Jahres sollten die Daten hochkarätig veröffentlicht sein. Dann wird sich an der Kritikerfront hoffentlich vieles beruhigen.

Ist das nicht zu optimistisch?

Die Ökoforschenden müssen so oder so mehr in anerkannten Zeitschriften publizieren. Ich nehme mich da selber an der Nase: Statt an den üblichen Tagungen teilzunehmen, haben wir zahlreiche nationale, europäische und internationale Konferenzen unter Bioforschenden organisiert. Sich abzugrenzen, fördert die Kritik, und das wollen wir ändern. Gerade im Zusammenhang mit der Zukunft der Landwirtschaft wie Klimawandel, Erhaltung der Artenvielfalt, fruchtbare Böden oder fairer Umgang mit Menschen und Tieren kann der Ökolandbau punkten. Wir hoffen, dass wir durch solche Publikationen mittelfristig mehr Einfluss bekommen.

Offenbar war es ein Fehler, dass sich der Ökolandbau zu wenig um die Qualität gekümmert hat: Die Prüfer stellten jetzt fest, dass das Rapsöl ranzig schmeckt!

Natürlich. Daran müssen wir dringend arbeiten. Noch immer gibt es bei der Zertifizierung von Biobetrieben keine Qualitätsprüfung. Wir brauchen einen verbindlichen Qualitätskatalog dessen Einhaltung vom Stall bis in den Laden kontrolliert wird. Führende Erzeuger von Bioprodukten verlangen das heute schon. Denn die umweltschonende und tiergerechte Landwirtschaft allein führt nicht automatisch zu höherer Qualität.

Hat der Erfolg von Bio nicht viel mit einem Bauchgefühl zu tun, dass etwas besser und gesünder sein müsse, nur weil es Bio ist?

Im Projekt QLIF haben wir europaweit zahlreiche Konsumentenstudien ausgewertet. Gesünder heißt für die Verbraucher Freiheit von Pestiziden, niedrige Nitratgehalte, keine chemischen Zusatzstoffe von der berühmten E-Liste und keine Gentechnik. Das können Bioprodukte garantieren.

Auch in Bio-Tiefkühlpizza, Bio-Maischips, Bio-Fischstäbchen?

Diese vom Verbraucher geforderten Fertig-Produkte sind für die Hersteller eine große Herausforderung. Ohne die unzähligen Konservierungsmittel, Aromen, Verdickungsmittel und Farbstoffe können nur die besten Lebensmittelspezialisten gute Produkte herstellen. Ausreißer kann es da geben. Aber diese neue Art der schonenden Verarbeitung wird immer besser und es gibt viele hervorragende und authentisch schmeckende Fertigprodukte. Mir ist aber der Convenience-Trend nicht geheuer, dafür liebe ich zu sehr frisch zubereitete Speisen.