Militaristische Praktiken statt wogender Felder? "Gekaufte Wahrheit" ist ein bestürzender Dokumentarfilm über Macht und Methoden der biotechnischen Industrie.
"Komm her kleiner Kerl, sei nicht schüchtern!" Während der Mann im weißen Kittel beruhigend vor sich hinsäuselt, grabbeln seine vergleichsweise großen Finger nach einer Versuchsratte, die sich in die hinteren Käfigstäbe drückt. Dabei hat das Tier guten Grund sich zu verstecken, schließlich wird auch dieser niedliche Nager am Ende des Versuchs seziert werden.
Nicht ganz so drastisch sieht wohl das Schicksal für uns moderne Menschen aus, eines haben wir nach Ansicht des Biochemikers Árpàd Pusztai aber mit dem Tier gemeinsam: Wir alle dienen der biotechnischen Industrie als unfreiwillige Versuchstiere. Pusztai hatte im auslaufenden vorigen Jahrtausend über die Wirkung der mit Schneeglöckchengenen versetzten Kartoffelsorte "Desiree" auf den Organismus und das Immunsystem von Ratten geforscht und war dabei zu alarmierenden Ergebnissen gekommen.
Im Vergleich zu der mit der unveränderten "Desiree" gefütterten Kontrollgruppe hatte sich der Darm der "Gentech-Gruppe" signifikant vergrößert, während sich andere Organe langsamer entwickelten und insgesamt kleiner blieben. Er würde diese Kartoffel, hätte er die Wahl, mit Sicherheit nicht essen, sagte er in einem viel beachteten Interview mit dem britischen Channel 4 - und wurde daraufhin des schottischen Rowett Research Instituts verwiesen, in dem er 35 Jahre lang gearbeitet hatte. Der offizielle Grund war die Vorveröffentlichung nicht geprüfter Ergebnisse.
Pusztai ist einer der Forscher, die die Macht der gentechnischen Industrie zu spüren bekamen und die der Dokumentarfilmer Bertram Verhaag für seinen kritischen Beitrag "Gekaufte Wahrheit - Wissenschaft im Magnetfeld des Geldes" interviewt hat. Verhaag skandalisiert darin zum einen, dass es keinerlei aussagekräftige Langzeitstudien gibt, die die Auswirkungen von transgenen Pflanzen auf Mensch und Umwelt untersuchen, beschreibt aber mehr noch die gefährliche Abhängigkeit der Wissenschaft von ihren industriellen Geldgebern.
Auf erschütternde Weise hat der amerikanische Mikrobiologe Ignacio Chapela diese undemokratische Privatisierung von Wissen am Beispiel der kalifornischen Berkely Universität gezeigt, in die sich der Energiekonzern BP für geschätzte 500 Millionen Dollar eingekauft hat und seitdem verborgen hinter hohen Zäunen Einfluss auf Forschung und Lehre nimmt. Wie mächtig die riesigen Agro-Chemie-Konzerne wie Monsanto sind, hatte Chapela aber schon früher erfahren müssen. 2001 veröffentlichte er in der renommierten naturwissenschaftlichen Zeitschrift Nature einen Artikel, in dem er und sein Assistent über transgene Maissorten auf mexikanischen Feldern berichteten.
Eigentlich eine Unmöglichkeit, denn der Anbau von genverändertem Mais ist in der Urheimat dieser Pflanze gesetzlich strikt untersagt. Wie also kam der transgene Mais dorthin? Der Angriff auf die vermeintliche Kontrollierbarkeit der Verbreitung transgener Pflanzen kam Chapela teuer zu stehen. Statt Anerkennung erfuhr er eine gut organisierte, virales Marketing genannte Hetzkampagne, schließlich distanzierte sich Nature, erstmalig in seiner Geschichte, von der Veröffentlichung des vielfach geprüften Artikels. Eine unabhängige Studie hat vor zwei Jahren die Ergebnisse von Chapela bestätigt; zuvor musste der engagierte Wissenschaftler aber lange um seinen Ruf und seine Stellung kämpfen.
Man muss also nicht verschwörungstheoretisch unterwegs sein, um die Macht von Agro-Chemie-Multis zu fürchten. Es ist ein ungleicher Kampf, der auch semantisch geführt wird. Gibt sich die biotechnische Industrie ja gern als Anwalt der hungernden Weltbevölkerung und spricht verharmlosend von "grüner Gentechnik", legt der amerikanische Journalist Jeffrey Smith mit dem Satz "Das Biotech-Imperium schlägt zurück" eher militaristische Praktiken nahe. Da denkt man dann weniger an wogende Felder, sondern eher an Todesstern und imperiale Sturmtruppen.
Als neue Form des Feudalismus beschreibt der in Brasilien lehrende Pädagoge und Agrartechniker Antônio Inßcio Andrioli dann auch das Gebaren des milliardenschweren Herstellers von fragwürdigen Herbi- und Pestiziden und den darauf abgestimmten genmanipulierten Pflanzen (Mais, Soja), Monsanto. Mit dem Selbstverständnis von Feudalherren eignen sich solche Konzerne unsere Naturressourcen an. Und wir Versuchskaninchen schauen dabei ähnlich ohnmächtig zu wie die niedliche Ratte im Käfig.


