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02.12.2011 - Der kultivierte Bauer (Märkische Allgemeine)

Dieter Moor verlässt seine "arschlochfreie Zone" und liest in Wildau: "S’isch superlässig gsi"

Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieter Moor hat es entdeckt, auf Umwegen zwar, aber auch die haben sich für ihn ausgezahlt: Indem er darüber geschrieben hat. Nach acht Jahren in Brandenburg, in einem Nest namens Amerika, ist Moor – wie vor ihm Rainald Grebe – zum Botschafter der Provinz geworden.

Seitdem er sein Ankommen in der Wahlheimat im Bestseller "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" dokumentierte, kennen den markigen Schweizer auch diejenigen, die keinen Fernseher zu Hause haben. Umso unvoreingenommener ist am Mittwochabend der Teil des Wildauer Publikums, der Moors TV-Sendung "titel, thesen, temperamente" nicht verfolgt. Weil der 53 Jahre alte Hüne auf dem Bildschirm immer ein wenig herablassend rüberkommt. Live und dreidimensional am Rednerpult wirkt er noch immer riesig, aber sehr umgänglich. Ein kultivierter Bauer.

Das Jackett fehlt. Ob er es unpassend fand oder erleichtert wegließ, weil der Dresscode in Wildau doch weniger förmlich ist als im Fernsehstudio, verrät der Autor nicht. So oder so, die Hemdsärmeligkeit steht ihm. Auch, dass er sich staunenden Blickes in der Bibliothek der Fachhochschule umsieht, macht Dieter Moor sympathisch. Dorthin war die Lesung verlegt worden, nachdem sich ein Besucheransturm abzeichnete. Der kam auch, und Moor quittiert ihn am Ende des Abends mit: "Der Ruum gfallt mer und s'isch superlässig gsi." Hochdeutsch übersetzt: schicke Örtlichkeit, angenehmes Publikum. Das trifft es.

Für Moor spricht, dass er knappe zwei Stunden liest. Liest und erzählt. Das kann man erwarten, weil er vom Fach ist, es verpflichtet ihn aber zu nichts. Er macht es trotzdem und er macht es professionell: Streift mit dem Publikum durch die Wahlheimat im Barnim, lässt die Gäste die inneren Monologe mit "dem kleinen Schweizer in mir" mithören.

Wie Dieter Moor das sagt, klingt es nach innerem Schweinehund. Tatsächlich ist es genau der schwyzerdütsche Einschlag, der dem Abend Gehalt gibt. Das Buch haben viele Zuhörer schon gelesen. An den dialektgesprenkelten Vortrag aber reicht die eigene Lektüre nicht heran. Moor paart ihn mit lebhafter Gestik. Das Wasser im Glas vor ihm schwappt aber kein einziges Mal über.

Die "Geschichten aus der arschlochfreien Zone" – der Buch-Untertitel meint den drei Hektar großen Bauernhof der Familie in Amerika – haben zwei Lesarten: Einerseits schildert Dieter Moor, wie er in Brandenburg, auf fettnäpfchengepflastertem Weg, Fuß fasst. Andererseits ist die Erzählung eine Liebeserklärung an seine Ehefrau, Sonja. Die ist omnipräsent und prescht voran, durch das Buch hindurch, während der zurückhaltende Gatte erst einmal "den Dorfladen im Uhrzeigersinn durchgeht".

Allein beider "Beziehungsweisen" würden das Buch großartig tragen, und sie rechtfertigten auch, dass Dieter Moor so gar nicht auf die Außenwahrnehmung seines Refugiums eingeht: Der Bio-Bauernhof mit mittlerweile 70 Hektar Größe hat sich zum Publikumsmagneten entwickelt. Das Dorfidyll gerät zur Staffage. Das, was die Moors zuvor so explizit gesucht hatten.