Ziegen bereiten Bio-Landwirtin Gela Angermann aus Flatow viel Arbeit und noch mehr Freude.
Büffeln? Nein, danke. Während andere Kinder Aufsätze schreiben oder vor Matheaufgaben schwitzen, baut Gela Angermann Baumhäuser, liest Kinderbücher oder füttert Ziegen. Ihre Eltern hatten sie nach der vierten Klasse aus der Schule genommen. Der Vater, eine Art Lebenskünstler, war Schauspieler und hatte sogar ein kleines Theater, bevor er auf Koch umsattelte. Die Familie lebt abgelegen auf einem Berg mitten im Bayerischen Wald, wo Nikolaus Redlich einen alten Hof zur Gaststätte umgebaut hatte.
Den staatlichen Erziehungsmethoden, dem Stillsitzen und Ruhigsein auf Kommando, kann er nichts abgewinnen: "Schule macht die Kinder gesellschaftskonform." Dass seine Frau selber Lehrerin ist, stört ihn nicht weiter: "Von einem Gefängniswärter erwartet man ja auch nicht, dass er seine Kinder in den Knast steckt." Gunda Redlich akzeptiert das. "Ich hatte vier Jahre Ferien", erinnert sich Gela Angermann und zieht an ihrer Selbstgedrehten. Pauker und Unterricht vermisst sie damals nicht. Ihre drei jüngeren Schwestern oder Kinder aus dem Ort ersetzen die Schulfreunde. "Im Nachhinein hat der Kontakt zu Gleichaltrigen doch gefehlt", sagt sie.
Die 41-Jährige – kurze, struppige schwarze Haare, dunkle Jeans, blaues T-Shirt – sitzt in der Wohnküche ihres Hauses auf dem Karolinenhof in Flatow bei Kremmen. Draußen wird es langsam dunkel. Im modernen Metallofen prasselt ein behaglich warmes Feuer. Gut gelaunt erzählt sie, wie schwer sich der Staat tat, die gesetzlich verankerte Schulpflicht bei der Familie durchzusetzen. Die Alt-68er stellen sich bei Mahnschreiben und Bußgeldern stur. Die Polizisten, die das Kind abholen sollen, wimmelt der Vater an der Tür ab: "Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?"
Die Gaststätte geht pleite, die Familie zieht viel umher in jenen Jahren. Die Eltern pachten kleine Höfe, in Bayern, aber auch in Lehnstedt bei Bremen. Wenn es nicht läuft, machen sie woanders weiter. Irgendwann, die Familie lebt inzwischen auf einem Einzelgehöft im bayerischen Vilshofen, machen die Ämter so viel Druck, dass die Schulverweigerer aufgeben. Gela, die in den ganzen Jahren kein Schulbuch angefasst hatte, kommt in die achte Klasse der Hauptschule. Sie wird umgehend Klassenbeste, nicht nur deswegen hänseln sie manche Mitschüler. "Die stinkt doch", heißt es immer wieder. Schuld daran sind ihre meckernden Lieblinge, die Ziegen. Das erste Tier bekam sie mit zwölf. Voller Freude versorgt sie es, der Funke springt auf die Eltern über, die sich gleich eine ganze Herde der pflegeleichten, aufgeweckten und aktiven Huftiere anschaffen.
"Ziegen springen und klettern immer, die sind nicht so phlegmatisch wie Kühe", schwärmt Gela Angermann, der das Schlachten entsprechend schwer fällt. Ihre Unternehmungslust stresse jedoch manchmal, vor allem, wenn sie ausbrechen wollen. Die Landwirtin kann von den kinnbärtigen, im Übrigen recht geruchsneutralen Vierbeinern nicht mehr lassen. 110 Ziegen leben auf dem 32 Hektar großen Karolinenhof, ferner drei Ponys, ein Esel und unzählige Katzen.
1991 hatte Gela Angermann den Hof mit ihrem Lebensgefährten Roger Lemke, der kürzlich an den Folgen eines Verkehrsunfalls verstarb, erworben. Das Paar wollte sich als Bio-Bauern selbstständig machen, Höfe in den alten Ländern waren zu teuer. In Flatow wurden sie fündig: "Hier im Luch ist alles herrlich grün, nicht so trocken wie anderswo in Brandenburg."
Die Raiffeisenbank gab Kredit, Freunde halfen beim Renovieren der heruntergekommenen Gebäude. "Wir hatten keinen Pfennig Geld", erinnert sich die Bäuerin. Anfangs, an manchen Abenden, wenn Roger noch unterwegs war, war es ihr unheimlich auf dem einsamen Gehöft, zumal es kein Telefon gab. Die Abgeschiedenheit stört sie nicht mehr. "Einbrecher? Die gruseln sich hier", sagt sie grinsend. Die damals rund 70 Ziegen molken beide noch per Hand. Nun geht alles maschinell, eine Käserin und eine Melkerin helfen ihr.
Der Sohn, Gela hatte ihn aus erster Ehe mitgebracht, ging damals in Königshof zur Schule. Durch ihn erfährt das Paar, dass über sie allerhand Gerüchte kursieren. Diese merkwürdigen Wessis, nicht betucht, sondern völlig mittellos und ziemlich alternativ. Und dann noch Ziegen? "Die hielten uns für asozial", sagt sie. Nun ist das kein Thema mehr, der Hof hat sich längst etabliert. "Der Landkreis und die Gemeinde haben uns sehr unterstützt", lobt die Bäuerin. Nicht nur mit dem Ausbau der Straße nach Flatow, einst eine Holperpiste, nicht nur mit Hinweisschildern. Der Kreis hat Land gekauft und an sie weiterverpachtet.
Der Alltag ist hart, gerade jetzt, ohne Roger. Um sieben Uhr wird gemolken, die Milch wird eingelabt. Dann, nach einem kurzen Frühstück, werden Käse gemacht, der Zaun gesteckt, gefüttert. Zwischendurch Mittagessen. Erneutes Melken gegen 18 Uhr. Zwei Stunden später ist Feierabend. Insgesamt kommt sie auf 50 bis 80 Stunden in der Woche. Im Frühjahr mehr, im Winter weniger.
Am Wochenende kümmert sie sich mit Koch und einer Servicekraft im hofeigenen Wiesencafé um die Gäste. Die verzehren diverse Ziegenfleischgerichte, Ziegenkäsekuchen oder Kaffee mit Ziegenmilch. Im Hofladen verkauft Gela Angermann diverse Ziegenkäse. Selbiger steht auch bei ihr auf dem Esstisch. Zum Brot oder zum Kochen. Die Landwirtin spricht von erneuten Gerüchten. Dass sie nun, nach Rogers Tod, aufhören und verkaufen will. "Alles Blödsinn", sagt sie. Sie macht weiter.
Gela Angermann, die ihre Kinder als lustig, nett, mutig, ehrgeizig, aber auch mitunter launisch beschreiben, mag auf dem Land leben, als Landei sieht sie sich nicht. In Berlin stürzt sie sich regelmäßig ins Getümmel. Den einstigen Tote-Hosen-Fan zieht es mit Freunden ins Kino oder in den Club "Trompete", zum Tanzen. Oder sie trifft sich mit ihren Töchtern zum Essen. Für Kunst interessiert sie sich wenig, doch es gibt eine Bronzeskulptur von Pablo Picasso, die sie sehr schätzt: eine Ziege.


