i+m setzt auf Naturkosmetik und tritt gegen die Großen an
Am Anfang war die spinnerte Idee: Bio. Inge Stamm dachte schon an natürliche Hautpflege, als sich die Chemie noch feierte und Kosmetikprodukte entstanden, die auch heute - 30 Jahre später - haltbar sind. Dass ihre Manufaktur i+m, die Naturkosmetik herstellt, jetzt funktioniert, scheint selbstverständlich. Lange Zeit war Stamms Idee einfach nur mutig.
Anfang der Achtzigerjahre arbeitet die ausgebildete Drogistin als Hebamme. Als die heute 62-Jährige bemerkt, dass die Babys auf herkömmliche Kosmetik reagieren, legt sie ein Herbarium an und fängt an, Verträgliches zu entwickeln: "Ich habe mir die denaturierten Rezepturen vorgenommen, die Inhaltsstoffe analysiert und sie in ein lebendiges Wesen mit Herz, Gehirn und Füßen verwandelt." In ihren Cremes verwendet sie Mandelöl und Shea-Butter anstelle von totem Erdöl und Walrat, einem formgebenden Fett, das aus dem Kopf von Walen gewonnen wird. Obwohl die Produkte von i+m beliebt sind ("i" steht für Inge, "m" für Monika, mit der sie das Unternehmen gründete), lacht die Bank, als Stamm um Geld bittet.
Die Hebamme aber bleibt sich treu und macht weiter: Mit Rubbelbuchstaben bastelt sie Vorlagen für Etiketten, ihre Cremes liefert sie selbst aus. Wenn sie zur Müsli fährt, der ersten Biomesse Deutschlands, schläft sie in ihrer Ente, um Hotelkosten zu sparen. i+m ist erfolgreich. Zumindest bis die Zeit der Goldbeschriftung und des Marketings anbricht: Auch die großen Kosmetikhersteller merken nun, dass man mit Bio Geld verdienen kann. Für Inge Stamm ist die Entwicklung zu stark. Ihre braunen, schlichten Tiegel gehen im Regal zwischen den goldbeschrifteten Kartönchen unter. 2006 holt sie deshalb Bernhard von Glasenapp und Jörg von Kruse mit ins Boot, die sie in der Insolvenzphase begleiten.
Die beiden Wirtschaftsjuristen kennen sich im Haifischbecken aus, in dem große Geldbeträge hin- und hergeschoben werden. Zehn Jahre lang beraten die beiden erfolgreich mittelständische Unternehmen und optimieren Gewinne: "Irgendwann habe ich den Sinn darin nicht mehr gesehen", sagt von Glasenapp, der heute bei i+m für den Vertrieb zuständig ist. "Die Inhalte und Werte waren austauschbar und beliebig." Ursprünglich sollte Inge Stamm nur eine Kundin von vielen sein. Aber es zündet: "Ich kann mich noch an unser erstes Treffen erinnern - es duftete sehr gut", sagt der 45-Jährige. "Vor uns stand ein Mensch, der von einer Idee geleitet war - und das bis zum körperlichen und wirtschaftlichen Ruin."
Und so verlassen die beiden Juristen ihre sichere finanzielle Basis, kündigen Mandate und helfen Inge Stamm, ihr Produkt mit den bestehenden Marktverhältnissen zu versöhnen. "Ein Stück Mut ist, dass wir drei zusammenarbeiten", sagt Inge Stamm, die sich als einsamen Wolf bezeichnet und dennoch Glasenapp und Kruse zu gleichberechtigten Partnern und Geschäftsführern gemacht hat. Noch nicht einmal einen Vertrag haben die drei ausgehandelt.
Die Cremes kommen heute nicht mehr im brauen Glastiegel daher. Ohne Umverpackung stehen sie im Regal und Jörg von Kruse, der für das Marketing und Design zuständig ist, bemüht sich, die Verpackung nach dem cradle-to-cradle-Prinzip zu gestalten, einem Konzept der Ökoeffektivität. Aus der i+m-Broschüre blinzelt dem Betrachter kein geglätteter Mensch mit geweißten Zähnen entgegen. Für die Männerserie Wild life wirbt ein Hirsch - kein stolzer Sechzehnender, sondern ein Tier mit unregelmäßigem Geweih: "Wir werben nicht mit Gesichtern! Und auch mit keinem Schönheitsideal", sagt von Kruse.
Manchmal fühlt sich der 46-Jährige wie auf einem Fußballfeld, "aber zu zweit gegen elf". Bei i+m ist man im Moment noch zu sechzehnt. Um ein neues Produkt auf den Markt zu bringen, braucht ein großer Konzern etwa 600 bis 1.000 Leute. Und so muss man bei i+m immer einen Schritt voraus sein. "Wir hatten als Erste vegane Produkte und Mono-Verpackungen. Jetzt springen die anderen auf diesen Zug auf", sagt von Kruse, "Wir müssen weiterdenken und anders sein. Aber"i+m war immer anders. Wir sind ein Stachel."


