Ein kleines Dorf in Nordbrandenburg beliefert halb Berlin mit Bio-Lebensmitteln. Die Grundlagen für den Boom haben die Alteingesessenen nach der Wende selbst gelegt. Ihr Erfolg ist ihnen manchmal nicht geheuer.
Manchmal träumen die Berliner mitten in Mitte vom Leben auf dem Land. Dann gehen sie in das Szene-Café The Barn, bestellen ein Märkisches Landbrot mit Ziegenfrischkäse und denken sich dorthin, wo ihre Stulle herkommt. In das "Ökodorf Brodowin" nämlich, irgendwo in der Nähe der Hauptstadt und doch ganz tief draußen in der Natur. Brodowin ist Berlins Bullerbü, ein Sehnsuchtsort gestresster Hauptstädter, an dem sie blühende Landschaften, glückliche Kühe und rotwangige Kinder wähnen.
Und Brodowin ist die Großmacht auf dem Biosektor: Die ehemalige LPG hat sich zu Deutschlands größtem Demeter-Hof aufgeschwungen. Egal wo man in Berlin shoppen geht, Brodowin ist schon da. Der Betrieb beliefert mehr als 200 Biosupermärkte und Naturkostläden, darunter große Ketten wie Bio-Company und LPG Biomarkt. Eine Fernsehköchin bestellt für ihre drei Restaurants Milch und Gemüse. Und rund 1.500 Berliner Privathaushalte plus etliche Schulen, Betriebe und Kitas lassen sich jede Woche frei Haus mit einem Öko-Lebensmittelkorb beliefern.
Klingt eher nach Industrie als nach Idyll. Und so mancher glaubt gar nicht, dass es Brodowin wirklich gibt. Aber wer sich zum Reality-Check auf eine Landpartie begibt, stellt fest: Das 75 Kilometer entfernte Dorf ist nicht nur sehr real. Es sieht auch tatsächlich aus wie einem feuchten Ökotraum entsprungen. Zwischen dichtem Wald und glitzerblauem See, umringt von sanften Hügeln, und das ganze auch noch im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.
Am Dorfrand mähen glückliche Biozicklein den Besucher an, wenn sie nicht gerade herumtollen und unbehandeltes Heu fressen. Es ist gerade Ablammsaison, fast jeden Tag kommen Deutsche Edelziegen zur Welt, die den Berlinern bald ihre Stullen garnieren werden - mit Frischkäse die Weibchen, mit Ziegensalami die Männchen.
Sogar die rotwangigen Kinder gibt es. Eine Seltenheit: Nirgendwo sonst in der Gegend warten morgens fast 40 Jungs und Mädchen auf den Schulbus. Häuser und Baugrund gibt es so gut wie nicht mehr zu kaufen. Während anderswo die Jungen abwandern, besteht hier Hälfte des Hofpersonals aus Zugezogenen.
"Neu-Brodowiner" werden die hier genannt. Von den Alt-Brodowinern, die immer schon da waren. Und die zuweilen skeptisch gucken. Wenn die Presse über den Hof stakst. Wenn verträumte Großstädter an sonnigen Frühlingswochenenden massenhaft zu Besuch kommen. Biosupermärkte veranstalten Busreisen, an den Wochenenden finden Hofführungen statt, bald soll es einen Biergarten hinter dem Hofladen geben.
Bio bedeutet Arbeit
"Pass bloß auf, dass Brodowin nicht das Neuschwanstein von Berlin wird", hat einer neulich zu Ludolf von Maltzan gesagt. Der ist Hauptgesellschafter der Ökodorf-Genossenschaft und selbst erst 2006 hergezogen. Aus dem Westen. Dabei haben die Alt-Brodowiner selbst den Grundstein für den Boom gelegt. Damals nach der Wende, als es aus war mit der LPG 8. Mai und der LPG Lüdersdorf. Als sie aber trotzdem ihre 6.000 Hektar gemeinsam bewirtschaften wollten. Nur anders als vorher.
"Die Brodowiner wollten bewusst weg von der Art, wie man in der DDR Tiere gehalten und Landwirtschaft betrieben hatte", sagt Maltzan. "Zum Beispiel hatte man jahrzehntelang Gülle in den See geleitet. Man wollte auch nicht länger Pflanzenschutzmittel vom Flugzeug versprühen."
Was man aber auch wollte, und zwar dringend, waren Arbeitsplätze. Und so beschloss die Dorfgemeinschaft bei einer Sitzung im Gasthaus Schwarzer Adler 1992 die Gründung einer biologisch-dynamischen Agrargenossenschaft. Denn Bio bedeutet Arbeit. Wo keine großen Maschinen eingesetzt werden, müssen Menschen ran. So kommt es, dass Brodowin heute eine Arbeitslosenquote von weniger als fünf Prozent hat, während es im Nachbarort Eberswalde 15 Prozent, in Schwedt sogar 20 Prozent sind.
Dass sich "Bio" bald verkaufen würde wie bekloppt, hatten nur die wenigsten erwartet. Aber seit Ende der 90er wollen die Hauptstädter immer mehr Bioprodukte aus der Region. Der Hof wächst, vor zwei Jahren kamen die Ziegen dazu, vor wenigen Tagen ging eine neue, 2 Mio. Euro teure Meierei in Betrieb.
Der Boom sei manchem nicht geheuer, bekennt Maltzan. Gerade erst hat er in der Gemeinde eine Diskussion über ein Hackschnitzelheizkraftwerk angeregt, das umweltfreundliche Wärme für das 430-Seelen-Dorf liefern könnte. Zog nicht so. "Ich sollte mich da ein bisschen zurückhalten", sagt Maltzan. "Auch wenn wir als der mit Abstand größte Arbeitgeber am Ort natürlich eine Verantwortung für die Region tragen, in der wir leben, sollten wir uns als Betrieb Ökodorf Brodowin nicht aufschwingen."
Nicht aufschwingen über das tatsächlich existierende Dorf, meint er. Denn die Öko-Idylle, von der die Berliner träumen, die will hier eben nicht jeder leben. Wenn die Berliner aber weiter davon träumen wollen, dann ist das schon in Ordnung, irgendwie. Ein bisschen wie Bullerbü ist Brodowin ja schon.


