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28.01.2011 - Ein Rind und dreißig Kisten (Berliner Zeitung)

Wer heute gutes Fleisch konsumieren möchte, hat die Möglichkeit, sich direkt beliefern zu lassen.

Die weiße Styroporkiste ist angekommen. Sie sieht aus wie eine eilige Medikamentenlieferung: steril, funktional, unpersönlich. Wenn man sie öffnet, sind erst einmal nur Kühlelemente zu erkennen. Doch unter den Eisbeuteln findet es sich dann: Bio-Fleisch von den Rinderrassen Galloway, Charolais oder Angus. Gulasch, ein Braten, Suppenfleisch und Knacker, portionsweise vakuumiert, zwei Wochen haltbar, sind in einem Privathaushalt angekommen. "Die meisten meiner Kunden kommen aus Berlin", sagt Susanne Marx. Zwar liefert sie bundesweit, zum Beispiel auch nach Stuttgart. Aber das Hauptgeschäft von mycow, dem Direktlieferservice für Rindfleisch, läuft in der Hauptstadt.

Susanne Marx ist regelmäßig unterwegs, in Mecklenburg-Vorpommern oder in Brandenburg. Sie besucht die Bio-Bauern, die mit ihr zusammen arbeiten. Sie "sondiert" zudem die Lage: So nennt sie ihre Suche nach Rinderrassen wie Limousin oder Uckermärker. Sie möchte das Angebot bereichern und vielfältiger gestalten, sie möchte Neugier wecken und den Geschmackssinn anregen. Die monatliche Fleischlieferung bleibt so immer etwas Besonderes. Einmal im Monat wird ein Rind geschlachtet, für den März ist es das Fleisch von einem Charolais-Rind. Davor war es ein Galloway. Generell erfährt das Fleisch nach der Schlachtung eine traditionelle Knochenreifung. Danach wird es entsprechend zerlegt und für die Kunden portioniert. Ein Rind bedeutet dreißig Kisten.

Die Idee und auch ihre grundsätzliche Einstellung zu Nahrungsmitteln ist während einer Weltreise mit ihrem Mann entstanden. Vorher, in ihrer Studienzeit, wäre Essen für sie eher eine Sache zum Sattwerden gewesen. Das änderte sich nach einem Aufenthalt im Himalaya: "Wir haben bei einer Familie gelebt und bei der Feldarbeit mitgeholfen. Wenn gekocht wurde, kamen alle Zutaten direkt aus dem Garten, vom Feld oder aus dem Stall." Der direkte Bezug ist Susanne Marx wichtig.

So ist auf ihrer Homepage für den Verbraucher ganz klar zu erkennen, auf welchem Hof, in welcher Gegend das Rind aufwächst. Transparenz ist die Devise. Jeder, der bestellt, kann sich persönlich und auch vor Ort davon überzeugen, wie die Rinder aufwachsen. Für Berliner ist vielleicht der Weg zur Bio Ranch Zempow der einfachste. Zempow liegt hinter Rheinsberg. Dort werden Angus-Rinder gezüchtet. Die beiden Rinder-Experten vor Ort, Swantje Kohlmeyer und Wilhelm Schäkel, sind gerne bereit, ihre Arbeit ihren Gästen zu erklären.

Es geht Susanne Marx darum, "dass man genau weiß, was man isst". Es sollte nicht eine kurzfristige Reaktion sein, wie derzeit auf den Dioxin-Skandal. Generell wünscht sich die Rostockerin, dass der Verbraucher sich bewusst macht, unter welchen Bedingungen ein Tier aufwächst. Und ein weitaus besseres Leben, so steht für Susanne Marx fest, haben die Tiere, die auf einem Bio-Bauernhof aufwachsen, der kontrolliert und zertifiziert wird. Doch leider seien Lebensmittelkrisen wie gerade die mit den Futtermitteln nach zwei Monaten wieder vergessen.