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08.06.2011 - Ende der Keimzeit (Berliner Zeitung)

Für eine Berliner Biomanufaktur in Friedrichshain hat der Ehec-Verdacht gegen Sprossen verheerende Folgen.

Klaus Schacherer ist ein freundlicher Mann mit kurz geschnittenem Vollbart. Wenn er von den Anfängen seiner Sprossenmanufaktur auf einem Friedrichshainer Hinterhof erzählt, fallen ihm immer wieder Anekdoten ein und er fängt herzhaft an zu lachen. Von 500 Gramm auf rund 1.000 Kilogramm hat Schacherer im Laufe der vergangenen sieben Jahre die wöchentliche Produktionsmenge gesteigert. Mit dem Bio-Boom ist auch der Bedarf an den gesunden Gemüsekeimlingen ständig gestiegen. Ketten wie die Bio-Company, LPG oder Alnatura gehören zu seinen Kunden. Er ist jetzt einer der größten Sprossenproduzenten der Region und so etwas wie ein Vorzeigebetrieb der Berliner Alternativ-Szene. Seit Anfang der Woche hat die Sprossenmanufaktur ihre Produktion vorübergehend eingestellt.

"Am Sonntagabend kam der böse Hammer", sagt Schacherers Kompagnon Wolfgang Funkhauser. Er war gerade auf einer Auslieferungstour, als er im Radio von dem Verdacht hörte, niedersächsische Gemüsekeimlinge könnten die Quelle des Ehec-Erregers sein. Und ihm war sofort klar, dass das auch für die Berliner Manufaktur verheerende Folgen haben würde. Seither beschäftigen sich Funkhauser und Schacherer nicht mehr mit der Aufzucht ihrer Sprossen. Rund 20 Keimlingssorten stellen sie normalerweise her. Zu ihrer Firmenphilosophie gehört es, nur auf Bestellung zu produzieren, nicht auf Vorrat. Die Ware soll immer frisch sein.

Doch Bestellungen gehen jetzt nicht mehr ein. Ihre sieben Mitarbeiter haben die beiden Geschäftsführer nach Hause geschickt. Sie sitzen jetzt nur noch am Telefon oder am Laptop und beantworten geduldig die Anfragen irritierter Verbraucher. "Manche haben einfach Angst, weil sie unsere Sprossen gegessen haben und wollen wissen, was sie tun sollen", sagt Funkhauser. Er kann die Verunsicherung verstehen und hofft händeringend auf eine baldige, allgemeine Entwarnung durch die Behörden. Die Erfahrungen mit Gurken und Tomaten machen ihm nicht viel Mut.

Bei der Sprossenmanufaktur selbst wird ohnehin nur biozertifiziertes, ständig kontrolliertes Saatgut verwendet. Bioland steht auf den meisten Papiersäcken im Lagerraum. "Bevorzugt kaufen wir Produkte aus der Region", sagt Schacherer. Aber Zwiebelsamen etwa bekomme er nur in Italien. Und Soja- oder Mungobohnen werden aus Asien bezogen. Zur Aufzucht werde nur reines Leitungswasser zugesetzt, "sonst kommt nichts ran". Alle drei Monate lassen die Geschäftsführer ihre Keimlinge auch noch von dem privaten Berliner Lebensmittelhygiene-Institut Bilacon untersuchen. Erst am Montag ist das Ergebnis der jüngsten Sprossenprobe vom 24. Mai eingegangen: "Verkehrsfähig" lautet die Bewertung. Wie immer. Aber das hilft im Moment auch nicht viel.

Klaus Schacherer ist Diplom-Agraringenieur. Er stammt aus dem Schwabenland, war dort schon Biolandwirt. Als er 2004 der Liebe wegen nach Berlin zog und nicht so recht wusste, wie er als Landwirt in der Stadt seinen Lebensunterhalt verdienen sollte, kam der heute 54-Jährige auf die Idee mit den Sprossen. Im Hinterhof der Boxhagener Straße 56 mietete er die Produktions- und Kühlräume einer ehemaligen Fleischerei an und begann, die besten Verfahren für die Sprossenaufzucht auszutüfteln. Weil er anfangs davon nicht leben konnte, arbeitete er nebenher in einem Bioladen. Einer seiner Kunden war dort Wolfgang Funkhauser, Betriebswirt für Hotel- und Gaststättenwesen. Aus der Bekanntschaft ist eine erfolgreiche Geschäftspartnerschaft geworden.

Zu den Abnehmern der Sprossenmanufaktur gehören bis heute auch kleine Bioläden und -lokale, wie es sie im alternativ geprägten Kiez um das Ostkreuz zuhauf gibt. Manche Stammkunden aus der Anfangszeit werden noch immer mit 300-Gramm-Bestellungen beliefert. "Man kennt sich und versteht sich gut", sagt Schacherer. "Das sind herzliche Verhältnisse." Inzwischen haben er und Funkhauser ein gutes Auskommen mit ihrem Betrieb: "Nicht üppig, aber wir haben davon gelebt. Und es hat Spaß gemacht."

Ob das so weiter gehen wird, steht vorerst in den Sternen. Schacherer hofft, dass bald wieder Bestellungen eingehen. Aber die beiden Geschäftsführer schließen auch nicht aus, dass sie bald Mitarbeiter entlassen müssen. Trotzdem bleibt Klaus Schacherer erstaunlich gelassen. "Ich weiß, dass wir ein Superprodukt herstellen", sagt er. "Und ich bin überzeugt, das ist auch bald wieder gefragt."

Gleich gegenüber der Boxhagener Straße 56 hängt ein großes Plakat der Bio-Company. Im Herbst soll dort ein neuer Markt eröffnen.