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06.10.2010 - Heuschrecken abgewehrt (Berliner Zeitung)

Zwölf Bauern in Europas größter Bio-Landbauregion retten ihre Fläche vor Großeinkäufern.

Selten schön ist diese Landschaft: die unzähligen kleinen Hügel, die die Eiszeit hinterließ, die vielen Seen, die weiten Felder, die riesigen Wälder. Bei Angermünde wächst ein Buchenwald, der seit Jahrzehnten sich selbst überlassen wird und bald zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt werden soll - so wie der Grand Canyon. Die recht menschenleere Uckermark ist ein Sehnsuchtsort für viele Berliner, die sich dort verlassene Bauernhäuser kaufen.

Doch kaum jemand ahnt, welcher Umbruch sich gerade auf dem Land vollzieht. Vor allem in der Uckermark, denn dort gibt es noch eine Besonderheit: Fast alle Felder zwischen den endlosen Wäldern des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin werden von Ökobauern bewirtschaftet. "Es ist die größte zusammenhängende Bio-Ackerfläche Europas", sagt Landwirt Stefan Palme aus dem Örtchen Wilmersdorf. "Doch das, was wir hier über viele Jahre aufgebaut haben, war in Gefahr."

Steigende Preise
"Vor allem in Ostdeutschland sind derzeit Investoren unterwegs, um Grund und Boden im großen Stil aufzukaufen - am besten ganze Betriebe", erzählt Palme. Deshalb schlossen sich zwölf Biobauern in der südlichen Uckermark zusammen, um ihre 7800 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche - etwa so viel wie 11000 Fußballfelder - langfristig vor den Angriffen von Heuschrecken zu sichern.

Die Gefahr sieht auch Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL). "Es sind viele Spekulanten aktiv, die auf den kontinuierlichen Preisanstieg in der Landwirtschaft setzen." Denn seit 2007 steigen nicht nur weltweit die Preise für Lebensmittel, es boomt auch der Markt für "grüne Energie". "Die Landwirtschaft wird immer mehr zum Rohstoffmarkt, und Ackerland wird immer mehr zu einem knappen Gut", sagt Wimmer. Deshalb würden Investoren für Biogasanlagen global Geld einsammeln und Land kaufen. "Nicht nur zehn, zwanzig Hektar, sondern so viel wie möglich." Und das, obwohl sich der Kaufpreis seit 2001 etwa verdoppelt hat.

Vor allem im Osten ist noch Land zu haben. "Im Westen bewirtschaften Bauern, deren Höfe über Generationen in der Familie sind, viel mehr eigenes Land", erklärt Biobauer Palme. Im Osten aber bewirtschaften die Bauern meist Pachtland. Nach dem Ende der DDR wurden die Genossenschaften aufgelöst, von der Treuhand übernommen und nach und nach privatisiert. Im Landesdurchschnitt pachten Bauern etwa zehn Prozent ihrer Fläche von einem einzigen Eigentümer: dem bundeseigenen Treuhandnachfolger Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG).

Bei den zwölf Bio-Betrieben war sogar fast die Hälfte BVVG-Land - Flächen, die die BVVG möglichst schnell und zum höchsten Preis privatisieren soll. Palme schätzt, dass 70 Prozent der Ackerflächen, die in den vergangenen Jahren in der Region zum Verkauf standen, von Investoren gekauft wurden: von Möbelproduzenten, Restpostenhändlern oder Miteignern von Privatbanken, die ein Teil ihres Geldes in die Landwirtschaft investieren.

"Da steht dann ein Anwalt auf dem Hof und sagt: Ich habe einen zweistelligen Millionenbetrag und will ihren Hof kaufen", erzählt Palme, der mit acht Leuten vor allem Getreide und Futter anbaut. Nie hätte er 1,7 Millionen Euro aufbringen können, die für jene 240 Hektar nötig gewesen wären, die bei ihm zum Verkauf ausgeschrieben werden sollten. "Auf unserem Bio-Boden hätte ein Investor dann einfach Mais für Biogas anbauen lassen", sagt er.

Also brachten die zwölf Betriebe und das Biosphärenreservat zusammen 2.500 Hektar in einen Pool ein. Die Bochumer GLS-Bank - laut Eigenwerbung die "erste sozial-ökologische Universalbank der Welt" - legte extra einen Fonds auf, um Geld einzusammeln und das Land zu kaufen. "Es ist nicht nur bundesweit eine einmalige Sache", sagt Uwe Greff von der GLS-Bank. "Auch weltweit kenne ich nichts vergleichbares." Innerhalb von drei Monaten war das Geld zusammen, fast 13 Millionen Euro. "Wir haben nicht einfach das Land gekauft, sondern es langfristig für die ökologische Landwirtschaft gesichert." Es sei sogar noch Geld für ähnliche Projekte übrig. Andere Bio-Bauern würden bereits anfragen, ob die Bank nicht auch bei ihnen Land kaufen könne.

Für die zwölf Betrieb bedeutet der Schritt zwar Sicherheit, aber auch Mehrkosten : Denn sie müssen das Land nun für etwa den doppelten Preis vom Fonds pachten. "Die Pachtverträge laufen über 18 Jahre", sagt Palme. "Und wir haben uns auf Gedeih und Verderb auf den Öko-Landbau festgelegt." Denn die Betriebe müssen jedes Jahr nachweisen, dass sie auch wirklich nach den Öko-Richtlinien der EU arbeiten, sonst ist der Pachtvertrag automatisch gekündigt.

Dietmar Schulze, der SPD-Landrat der Uckermark, ist erleichtert. "Ich bin froh, dass hier Pionierarbeit geleistet wurde, die vielleicht bundesweit Nachahmer findet."