Online Einkaufsführer Newsletter Veranstaltungskalender


Detailansicht
15.06.2011 - Kritik an EHEC-Hilfe: "Einnahmeverluste sind Berufsrisiko" (taz)

Die EU will Geld an alle Bauern verteilen, die wegen Ehec weniger Gemüse verkauft haben. Das Geld soweit zu streuen, davon hält ein Verband gar nichts.

Die geplanten EU-Hilfen für alle Gemüsebauern mit Einnahmeverlusten wegen der Ehec-Krise stoßen bei kritischen Landwirten auf Bedenken. "Das Geld so weit zu streuen, halte ich für zu ungenau", sagte Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), am Dienstag der taz. Die Hilfen sollten nur an die Bauern gehen, die sonst zahlungsunfähig würden.

Die EU-Staaten aber stimmten einem Vorschlag der Kommission zu: Insgesamt 210 Millionen Euro gehen an alle Landwirte, die wegen der Warnungen vor dem lebensgefährlichen Darmkeim Ehec seit dem 26. Mai weniger Gurken, Tomaten, Blattsalate, Paprika und Zucchini verkauft haben.

"Einnahmeverluste wegen Verzehrswarnungen gehören zum Berufsrisiko der Bauern", kritisierte der AbLer Baringdorf diese Entschädigung. Landwirte, die ihre Produkte etwa auf Wochenmärkten direkt an den Verbraucher verkaufen, hätten geringere Verluste erlitten. "Wer aber in einen anonymen Markt liefert, nimmt ein höheres Risiko in Kauf." Landwirte, die wegen der Ehec-Krise zahlungsunfähig werden könnten, sollten etwa zinslose Kredite bekommen.

Zinslose Kredite – und 50 Prozent Ausfallzahlung

Die EU-Kommission dagegen will allen Bauern, die infolge der Ehec-Warnungen die betroffenen Gemüsesorten nicht verkaufen konnten, bis zu 50 Prozent des normalen Preises ersetzen. Das Geld solle aus zwar im EU-Budget eingeplanten, aber bislang nicht genutzten Mitteln kommen, sagte ein Kommissionssprecher. Auf das unternehmerische Risiko zu pochen, "ist in diesem Fall schwierig", so der Sprecher. "Der Verbrauch ist so stark gesunken, dass die Erzeuger wirklich gefährdet sind. Für die Gesellschaft ist es gut, wenn die weiter Gemüse produzieren."

Der Deutsche Bauernverband verlangte, die Entschädigungssätze zu verdoppeln. Er schätzt die Verluste allein seiner Mitglieder auf bislang 70 Millionen Euro, nachdem die Behörden Ende Mai vor dem Verzehr roher Tomaten, Blattsalate und Gurken gewarnt hatten. Daran hielten sich der Umfrage ARD-Deutschlandtrend zufolge 55 Prozent der Deutschen. Inzwischen entspannt sich die Lage am Markt wieder, weil die Ämter die Warnung am Freitag aufgehoben und als wahrscheinliche Quelle des Keims einen Biosprossen-Hof in Niedersachsen genannt haben.

Erstmals ein Kind gestorben

In der Nacht zu Dienstag starb erstmals während der derzeitigen Ehec-Welle ein Kleinkind an der Infektion. Damit erhöhte sich bundesweit die Zahl der Todesopfer auf mindestens 36. Doch derzeit erkranken laut Seuchenschutzbehörde Robert-Koch-Institut täglich weniger Menschen als zuvor: Das Amt registrierte seit Anfang Mai bis Montagnachmittag insgesamt 3.235 Fälle von Ehec oder dem auch von diesem Bakterium verursachten hämolytisch-urämischen Syndrom. Das sind 8 mehr als am Vortag gemeldet. Ende Mai waren bis zu 155 Ehec-Fälle täglich dazugekommen.

Konservative Agrarpolitiker, die der Biolandwirtschaft generell eher kritisch gegenüberstehen, nutzen den Fall zumindest bisher nicht gegen den Ökolandbau. "Wie der Keim in den niedersächsischen Biobetrieb gekommen ist, ist ja noch nicht klar", sagte Franz-Josef Holzenkamp, Agrarexperte von CDU/CSU. Auch für seine FDP-Kollegin Christel Happach-Kasan ist die Ehec-Welle bisher "keine Frage von bio oder konventionell".