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08.11.2010 - Mehr als ein Nischenprodukt (Märkische Allgemeine)

Die Bio-Landwirtschaft in Brandenburg wächst mit der Nachfrage aus Berlin.

Ökobauer Sascha Philipp hatte alles so schön geplant. Einen Hof mit etwa 400 Hektar Anbaufläche wollte er haben. "Ein bisschen Trecker fahren, Kühe melken und hin und wieder im Büro sitzen", wollte er. Doch für den Mann aus dem Ruhrgebiet ist es ganz anders gekommen, hier, im Brandenburgischen.

830 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche gehören heute zu Philipps Ökohof, der Landgut Pretschen GmbH & Co. KG (Dahme-Spreewald). Rund 650 Rinder hat er. Neben 275 Milchkühen auch Mastkälber für die Fleisch- und Wurstproduktion. Ganz nebenbei ist sein Betrieb in Pretschen, der nach den Richtlinien des Öko-Anbauverbandes Demeter bewirtschaftet wird, einer der größten Produzenten von Öko-Chicorée in Deutschland. Am Beispiel des Landguts ist der Aufstieg des Biolandbaus in der Mark gut nachzuvollziehen.

Er sei "getrieben davon, nach Möglichkeiten, nach Nischen auf dem Markt zu suchen", um so für Arbeitsplätze auf seinem Hof zu sorgen, erzählt Ökobauer Philipp. Denn mit den Jobs kehre das Selbstbewusstsein in die ländlichen Regionen zurück, dass er häufig vermisse. Philipp, der seine Ausbildung zum Landwirt in den 90er Jahren in Brandenburg gemacht hat, kaufte 1999 das Landgut Pretschen von der bundeseigenen Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG). "Ein Ladenhüter", erinnert er sich lächelnd.

24 Beschäftigte gehörten zum Betrieb. Die hätte er allein mit der Milcherzeugung nicht halten können, sagt er. Also suchte er nach einer Produktion, für die viele helfende Hände gebraucht werden. Gemüseanbau, zum Beispiel. Um nicht gleich gegen starke Konkurrenz ankämpfen zu müssen, suchte der Chef nach einer Marktlücke – und kam so auf den Chicorée. Der Vorteil: Dieses Gemüse sorgt das ganze Jahr über für Arbeit. Von Mai bis September werden die Wurzeln auf dem Acker gehegt und gepflegt. Im Winter und Frühjahr wächst aus diesen Wurzeln dann in der Treiberei der schmackhafte weiß-gelbe Spross.

Mit zwei Hektar Anbaufläche für den Chicorée hat Philipp begonnen. Anfangs hatte er einige Probleme, das Gemüse in der Region auch loszuwerden. Heute sind zwölf Hektar für die Wurzeln reserviert. 110 Tonnen Chicorée wurden im vergangenen Jahr in Pretschen produziert und bundesweit vermarktet. Knapp die Hälfte davon hat allein der Berliner Markt geschluckt. „Die regionalen Fachhändler sind mit uns gewachsen“, sagt der Landwirt.

So wie der Supermarkt "Bio Company". 2003 hatte das Berliner Unternehmen vier Filialen. Jetzt sind es 19, davon zwei in Brandenburg. Vertriebsleiter Manuel Pundt hat die Erfahrung gemacht, dass die Kunden des Bio-Supermarkts mit Vorliebe zu Produkten aus der Region greifen. Auch wenn sie vielleicht einige Cent teurer sind. Beim regionalen Erzeuger "habe ich die Möglichkeit, rauszufahren und zu sehen, was dahinter steckt", erklärt Pundt.

"Regionalität ist ein Schutz vor Skandalen", sagt Ökobauer Philipp. Hersteller, Händler, Kunde – sie kennen sich persönlich. Da möchte man nicht durch schlechte Produkte sein Gesicht verlieren. Dieser Druck schaffe Sicherheit. Abgesehen vom Chicorée bleiben die Erzeugnisse von seinem Hof in der Region. Die Milch geht unter anderem an die Gläserne Molkerei in Münchehofe (Dahme-Spreewald). Die Bäckerei Märkisches Landbrot GmbH in Berlin wird mit Getreide beliefert. Fleisch und Wurstwaren, die zusammen mit einer Metzgerei in der Region hergestellt werden, werden über den Naturkosthandel in Berlin-Brandenburg vertrieben.

Für Philipp sind Ökoprodukte "in der Gesellschaft angekommen". Verschmitzt lächelnd fügt er hinzu: "Es gibt ja heute kaum einer mehr zu, dass er kein Bio kauft." In Pretschen tüftelt der Landwirt schon am nächsten Projekt. Ein Gewächshaus für Tomaten und Gurken soll her. Eine Investition von vier Millionen Euro ist das. "Vor fünf Jahren hätte man mich mit einem Gewächshaus nicht aus der Reserve gelockt", sagt er. Aber der Berliner Markt lechzt nach märkischem Öko-Gemüse, auch außerhalb der Saison. Und für den Ökohof bedeutet das: mehr Arbeit.