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17.10.2011 - Obstidee fruchtet nicht: Brandenburg lehnt EU-Schulprogramm gegen Übergewicht ab (Märkische Allgemeine)

Das dicke Problem nimmt zu. Geschätzte 22 Millionen Kinder in der Europäischen Union bringen zu viel auf die Waage. Auch in Brandenburg leidet fast jeder zehnte Jugendliche an starkem Übergewicht. Mit dem 2009 aufgelegten Schulobstprogramm der EU soll den Pfunden der Kampf angesagt werden. Knapp fünf Millionen Kinder bundesweit profitieren bereits davon. Doch in Brandenburg bekommen Schüler keine gesunden Gratis-Pausensnacks serviert.

Gut 470.000 Euro Früchtegeld, das die EU bereitgestellt hätte, verfällt im laufenden Schuljahr. Denn dem Land schmeckt die Obstidee nicht. Ein Grund: Die genannte Summe hätte in gleicher Höhe vom Land kofinanziert werden müssen. Doch das eigentliche Problem, erklärt Jens-Uwe Schade, ist ein anderes: der hohe Aufwand, die Früchte überhaupt in die Schulen zu bringen. Der Sprecher des Potsdamer Agrarministeriums spricht von einem "Bürokratiemonster" für Schulen, Lieferanten und Verwaltung.

"Die Idee als solche, Kindern gesunde Ernährung nahe zu bringen, ist richtig", meint er, "aber in der Form ist das nicht umzusetzen." Neben der Logistik – wer bringt wann wie viele Äpfel wie an welche Schule – verlangt die EU etwa, dass die Obstabgabe genau kontrolliert, dokumentiert und evaluiert wird. All das verursache Arbeit und Kosten. Die Verwaltung fresse fast die bereitgestellte Summe auf. "Was am Ende beim Kind noch als Apfel ankommt, ist ein Centbetrag", so Schade.

Apfel muss trotzdem, findet Monika Schulz-Höpfner. "In anderen Ländern funktioniert es doch auch", sagt die familienpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion. In Sachsen-Anhalt, Thüringen, Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland können Schüler kostenlos in Birnen beißen. Brandenburg hätte sich stärker dafür einsetzen können, das Programm zu verschlanken, so Schulz-Höpfner.

Die Bundesländer seien nicht berechtigt, spezifische Forderungen direkt an die EU-Kommission zu stellen, erklärt hingegen das Potsdamer Agrarministerium. Zuständig sei der Bund. Ein vollmundiges "Gesetz zur Durchführung gemeinschaftsrechtlicher Vorschriften über das Schulobstprogramm" regelt nun die nationale Umsetzung der EU-Kampagne. Bremen wiederum entzieht sich dem Brüsseler Birnenkomplott komplett und hat ein eigenes Programm ins Leben gerufen. Dort werden Grundschulen in sozialen Brennpunkten auf Landeskosten mit Vitaminen beliefert.

Auch in Brandenburg hängt der Gesundheitszustand der Kinder von Sozialstatus und Schultyp ab: Laut Landesamt für Gesundheit sind Gymnasiasten seltener fettleibig als Oberschüler. Spezielle Programme für Problemschulen will Brandenburg dennoch nicht auflegen. Schulen sollen nicht stigmatisiert werden, heißt es beim Landwirtschaftsministerium.

Axel Vogel sieht den Haupthinderungsgrund für die Apfelabsage woanders. "In Brandenburg wird alles zur Kostenfrage", sagt der Chef der Grünen-Fraktion im Landtag. Allerdings, so Vogel, gingen auch in seiner Fraktion die Meinungen über die Apfelaktion auseinander. Die Vitamspritze sei sicher sinnvoll, noch wichtiger aber wäre es, gesunde Ernährung und Kochen zum festen Bestandteil des Lehrplans zu machen.

Derzeit werden Schüler im Land nur mit verschiedenen Einzelaktionen, etwa dem Verteilen von Bio-Brotboxen zu Schuljahresbeginn, zu gesundem Essen animiert. Bei der Kampagne "Fünf am Tag für Kinder“ der Brandenburgischen Krebsgesellschaft lernen Grundschulkinder mit Hilfe einer Ernährungsberaterin an einem Vormittag, dass es nicht immer Schokoriegel sein müssen. "Wer schon im Kindesalter gesunde Ernährung lernt, lebt auch als Erwachsener gesünder", ist Bildungsministerin Martina Münch (SPD) als Schirmherrin der Aktion überzeugt.

Befürworter des Schulobstprogramms sind sich da nicht sicher. Aufklärung in der Schule nutze wenig, wenn Eltern zu Hause keine gesunden Lebensmittel auf den Tisch bringen. Mit der EU-Idee wäre gewährleistet, dass Kinder zumindest überhaupt regelmäßig Obst essen.