Ab heute beraten beim Welternährungsgipfel in Rom Vertreter aus mehr als 60 Ländern über den Kampf gegen den Hunger. Die UN will eine neue Politik durchsetzen. Alle wollen künftig die ländliche Entwicklung fördern - doch wie, das ist umstritten.
2009 ist kein gutes Jahr im Kampf gegen den Hunger, denn erstmals wird die Zahl der chronisch Unterernährten die Milliardengrenze übersteigen. Auf der Welternährungskonferenz der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung FAO, die heute in Rom beginnt, soll eine Offensive gegen den Hunger gestartet werden. Neben Vertretern von Stiftungen, Hilfsorganisationen und Konzernen werden mehr als 60 Staats- und Regierungschef dazu erwartet - darunter allerdings außer dem Gastgeber Silvio Berlusconi keiner aus einer der acht führenden Industrie-Nationen.
FAO-Chef Jacques Diouf appellierte an die Gipfelteilnehmer, in Rom "konkrete Zusagen" zu machen. Statt der derzeit acht Milliarden Dollar an Investitionen in die Landwirtschaft seien jährlich 44 Milliarden Dollar nötig. Aus Solidarität mit den Hungernden in aller Welt verzichtete Diouf am Wochenende für 24 Stunden auf Nahrung.
Bis zum Jahr 2015, so hat es die Weltgemeinschaft als ein Millenniumsziel formuliert, soll die Zahl der Hungernden halbiert werden. Doch dann stiegen im Jahr 2007 die Lebensmittelpreise um fast 40 Prozent, Weizen wurde bis 2008 sogar noch einmal um 130 Prozent teurer, Reis um 74 Prozent. In mehr als 40 Ländern brachen Hungerrevolten aus. Nahrungsmittelexporteure wie Indien und China stellten ihre Lieferungen ein. Der Agrarpreiskrise folgte die globale Finanz-und Wirtschaftskrise, mit gravierenden Folgen für die Entwicklungsländer.
"Gefahr für den Weltfrieden"
Für die Nothilfe zur Rettung akut vom Hungertod bedrohter Menschen stellten die Industriestaaten Milliarden bereit. Doch damit werden die Folgen der Nahrungsmittelkrise, nicht aber die Ursachen bekämpft. Die Ursachen sind vielfältig: Seit Mitte der Neunzigerjahre sind kaum noch Mittel in die ländliche Entwicklung investiert worden. Die Entwicklungsländer setzten - auch auf Drängen der Weltbank - auf moderne Industrie statt Landwirtschaft und begannen, billige Nahrungsmittel zu importieren. Der Klimawandel macht sich mit Dürren und Hochwasser bemerkbar. Durch Industrialisierung und Verstädterung schrumpfen die Anbauflächen. Der Import subventionierter Agrarprodukte aus Industriestaaten zerstört lokale Märkte.
Die wachsende Nachfrage der Industriestaaten nach Bio-Treibstoffen, hohe Erdölpreise und die Preisspekulation auf den Agrarmärkten lösten dann die Agrarpreiskrise aus. Die Preise sind derweil wieder gesunken, vielerorts gab es 2008 Rekordernten. Das Problem bleibt - und die meisten Ursachen sind auch nicht verschwunden. "Die schleichende Hungerkrise stellt", sagte FAO-Chef Diouf, "eine ernsthafte Gefahr für den Weltfrieden und die Sicherheit dar."
In Rom sollen die diversen Initiativen zusammengeführt, eine gemeinsame Strategie soll beschlossen werden. Ein Entwurf der Abschlusserklärung liegt vor. Einigkeit herrscht, dass Investitionen in die agrarische Entwicklung der Dritten Welt den Kern der neuen Welternährungspolitik bilden müssen. Das steht in Einklang mit dem 20-Milliarden-Dollar-Plan der G8-Staaten gegen den Hunger. Die Hilfe soll die Entwicklungsländer zu Selbsthilfe befähigen. Ein weiterer Schwerpunkt im FAO- Papier sind Maßnahmen zur Produktionssteigerung. Dazu gehören der Einsatz moderner Technologie, von Saatgut mit hohen Erträgen und Kunstdünger, große Bewässerungsprojekte und die Bewirtschaftung von Brachflächen.
Kleinbauern in den armen Ländern könnten sich Dünger, Saatgut, Maschinen gar nicht leisten, kritisieren Hilfsorganisationen und Vertreter von Entwicklungsländern. Bewirtschaftung ungenutzter Flächen leiste dem "landgrabbing", der Enteignung und Vertreibung von Kleinbauern, Vorschub. Zudem würden Programme, die auf Technologien nur zur Produktionssteigerung setzen, das Hungerproblem nicht lösen, stellte der Weltagrarrat jüngst fest.
Hilfsorganisationen, Agrarexperten und auch Vertreter der Zivilgesellschaft in den Entwicklungsländern setzen auf andere Lösungen: Der Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen den Hunger sei die Sicherung der Einkommen von Kleinbauern. Mehr Investitionen in die ländliche Entwicklung seien nötig, das Geld sollte aber in eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft investiert werden, in standortgerechte Anbaumethoden sowie die Stärkung der Landrechte. Zudem müssten die Industriestaaten auf Agrardumping, Preisspekulation und Marktöffnungszwang verzichten.
Für die FAO selbst geht es bei dem Gipfel nicht nur um die Verabschiedung einer Erklärung zur neuen Welternährungspolitik, sondern auch um ihre Daseinsberechtigung und ihr Budget. Ihr ohnehin schlechter Ruf hat noch mehr gelitten, als sie 2007/2008 den Ausbruch der Agrarpreiskrise verschlief. Auf dem Gipfel soll nun auch eine Reform und eine neue Strategie für die FAO beschlossen werden.


