Gentechnik, Monokulturen und Milben schaden der Biene, Pestizide verunreinigen ihren Honig. Ein Berliner Imkerverein wirbt erfolgreich um neue Mitglieder.
Alarm im Bienenschwarm: Ein paar Dutzend Flügelpaare versetzen die Luft in Schwingungen. In ihrer Mitte steht Benedict Polaczek und greift nach dem Herzstück des Bienenstocks: dem Rahmen mit den Honigwaben. Der Bienenforscher ist Herr über 25 Völker an der Freien Universität Berlin (FU), in seiner Freizeit engagiert er sich bei den Zehlendorfer Imkern. In Deutschland haben viele Bienenfreunde in den vergangenen Jahren aufgegeben. Gab es 1990 noch 110.000 Imker, sind es heute rund 80.000. Sich verändernde Umweltbedingungen haben zu der Frustration vieler Imker beigetragen. Dazu gehört der Anbau gentechnisch veränderter Organismen (GVO).
Honig ist ein Naturprodukt, von Bienen gesammelt, von Menschen geerntet. Ohne Zusätze soll er in den Handel. So schreibt es die Honigverordnung vor. Der bayerische Imker Karl-Heinz Bablok hat demnach Sondermüll produziert: Das Verwaltungsgericht Augsburg deklarierte vergangenen Sommer seinen Honig als "nicht verkehrsfähig". In der Nähe seiner Bienenstöcke hatte der Freistaat ein Versuchsfeld mit manipulierten Pflanzen angelegt, der Honig war mit Pollen von gentechnisch verändertem Mais verunreinigt. Diese sind nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen. Also landete die Honigernte im Müll statt auf dem Brötchen.
Gefahr durch Pestizide
Imkermeister Thomas Radetzki ist Vorstand im Imkerverband Mellifera, der sich für ökologische Bienenhaltung einsetzt. Wo Bienen ihre Nahrung sammeln, könnten Imker nicht kontrollieren, sagt er, "Bienen fliegen beim Sammeln kilometerweit in eine Richtung; ein Volk sammelt Nahrung auf einer Fläche von der Größe der Stadt Köln". Dabei besteht nicht nur die Gefahr, dass der Honig verunreinigt wird. Bienen können auch in ihrem Haarkleid Blütenstaub gentechnisch veränderter auf ursprüngliche Pflanzen übertragen. Die Folge: Landwirte befürchten die Kontamination ihrer Ernte.
Ob Felder mit genveränderten Pflanzen die Bienen ernsthaft bedrohen, darüber sind sich die Experten uneinig. So schreibt Elke Genersch, stellvertretende Direktorin am Länderinstitut für Bienenkunde Hohen Neuendorf, zu dem Thema: "Den Bienen schaden genveränderte Maisblüten weniger als solche, die mit Pestiziden behandelt wurden." Bienenforscher Jürgen Tautz von der Universität Würzburg hält landwirtschaftliche Monokulturen für ein weiteres Problem, das den Tieren zu schaffen macht. "Wenn Bienen nur noch Pollen von Raps und Sonnenblumen finden, ist das in etwa so schädlich, als wenn ein Mensch nur noch Bratwurst isst."
Sehr wichtig sei eine Vielfalt an Pollen, aus denen die Bienen das Gelée royale herstellen, mit dem sie ihren Nachwuchs aufziehen. Die Ausbeutung ist umso gehaltvoller, je vielfältiger die Pollennahrung der Arbeiterinnen ist. Benedict Polaczek von der FU sieht die größte Gefahr für seine Schützlinge im Schädlingsbefall, insbesondere durch die Milbe Varroa destructor, welche sich von Bienenblut ernährt. Zusätzlich belastet sie die Mobilität der Biene, auf der sie sich festsaugt. "Das ist so, als ob ein Mensch ständig eine Katze mit sich herumschleppen müsste", erläutert Experte Polaczek.
Unabhängig davon, ob Gentechnik, Monokulturen in der Landwirtschaft oder Krankheiten der Grund für die rückläufige Bienenhaltung sind, das Ergebnis ist bedenklich -zu dem Schluss kommt Bienenforscher Professor Burkhard Schricker von der FU Berlin: Die Zahl der Bienenvölker sei in Deutschland seit 1993 um etwa 45 Prozent zurückgegangen. Dies kann dazu führen, dass eine flächendeckende Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen nicht mehr gewährleistet ist. Ein einziges Volk kann pro Tag drei Millionen Obstblüten bestäuben.
Ohne diese Leistung der Bienen geht die Ertragsleistung bei Raps beispielsweise um circa 30 Prozent zurück. Bei einem Versuch trugen Bäume einer Apfelbaum-Allee in unmittelbarer Nähe eines Bienenstandes 1.200 Früchte, in 900 Metern Entfernung nur noch 20 Früchte. Wenn das Bienensterben weiterginge, könnte es bei uns bald amerikanische Verhältnisse geben, befürchtet Professor Schricker: In den USA fordern Obstbauern mobile Bienenkommandos zum Bestäuben an. Imker fahren ihre Stöcke per Lastwagen von der Zitronenblüte in Florida zur Mandelsaison in Kalifornien.
Entgegen des deutschlandweit negativen Trends wird in Berlin das Imkern immer beliebter. Das hat zumindest Bienenfreund Polaczek beobachtet. Etwa 500 Imker leben in der Hauptstadt. Auf Berliner Balkonen, Dachterrassen und Hoteldächern stehen Bienenstöcke. Mit einem innovativen Angebot hat allein der Imkerverein Zehlendorf in den vergangenen zwei Jahren 20 neue Mitglieder gewonnen. "Ein Jungimker braucht seinen Bienenvater", erläutert Polaczek die Idee hinter dem "Imkern auf Probe": Der Verein verleiht Völker für ein Jahr an Jungimker und stellt ihnen einen erfahrenen Imker an die Seite.
Bienenstöcke in der Stadt
Eine Motivation der Imker ist die Aussicht auf selbstgeernteten Honig: Jedes Volk besteht aus rund 70.000 Tieren, die jährlich etwa 25 Kilogramm Honig erzeugen. Sammlerinnen steuern an einem Tag bis zu 3.000 Blüten an und saugen bei jedem Flug bis zur Hälfte ihres Gewichtes an Nektar auf. Wieder im Bienenstock angekommen, würgt die Biene den Nektar aus. Andere Artgenossen schlucken ihn wiederum, wobei er mit ihrem Speichel veredelt wird. Die Nektar-Tropfen werden etwa 80 Mal von einer Biene zur anderen weitergereicht, bis sie zu Honig geworden sind. Um ein Pfund Honig zu erhalten, müssen die Bienen die dreifache Menge an Nektar sammeln. Von dem mit Fleiß zusammengetragenen Produkt isst jeder Deutsche jährlich etwa 1,4 Kilogramm.
Probleme mit den Nachbarn hätten Berliner Imker so gut wie nie, denn die Berliner Bienen seien besonders sanftmütig gezüchtet worden, sagt Benedict Polaczek. Apis mellifera carnica, die Krainer-Biene, so heißt die Lieblingsbiene von Forscher und Imker Bendict Polaczek: "Das Tier ist so friedlich, es sticht nur, wenn ich es in der Hand fast zerdrücke", sagt er. Nur wollene Kleidung solle man bei der Arbeit nie anziehen, das könne die Biene an ihr Feindbild, den Bären, erinnern.
Auf der Seite des Imkerverbandes Berlin finden sich Links zu allen Berliner Vereinen: www.imkerverband-berlin.de


