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28.05.2011 - Ratlosigkeit vorm Gemüseregal (Märkische Allgemeine)

Das Darmbakterium Ehec beunruhigt die Konsumenten im Land – aber nicht überall.

In der Kaiser’s-Filiale in Potsdam-Babelsberg ist von der Aufregung über den Darmvirus Ehec auf den ersten Blick wenig zu sehen. Die Regale für Obst und Gemüse sind zum Bersten voll. Grüner Feldsalat aus Italien, Broccoli und Auberginen aus Spanien. Bio-Möhren aus dem fernen Israel. Und Gurken, das Stück 49 Cent, aus den Niederlanden. "Das sind alles Holländer", gibt die Verkäuferin bereitwillig Auskunft. "Wir haben uns extra noch einmal informiert."

Ausgerechnet Holland. Bis gestern standen ausschließlich Gurken aus Spanien im Verdacht, die gefährlichen Keime transportiert zu haben. Nun aber hat das Hamburger Hygiene-Institut den Erreger angeblich auch bei einer Salatgurke aus den Niederlanden nachgewiesen. Die in Holland zuständige Behörde für Warenprüfung (VWA) weist dies jedoch zurück: Dies beruhe möglicherweise auf einem Missverständnis, weil einer der in Spanien betroffenen Gemüsebauern Niederländer sei.

Die Kunden in Potsdam-Babelsberg jedenfalls sind besorgt. Eine ältere Frau greift ratlos zu einer Schale mit Pfirsichen. Daheim liegen Tomaten, die sie vorgestern erstanden hat: "Die traue ich mich gar nicht zu essen." Ein Rentner hat weniger Skrupel. "Bei mir gibt’s heute Tomaten mit Pfeffer, Salz und Knoblauch zum Abendessen", verrät er. Aber Gurken? "Die würde ich jetzt nie im Leben kaufen."

Metro, Rewe, Edeka, Kaiser’s, Lidl – praktisch alle großen Ketten haben seit Donnerstag spanische Gurken aus ihrem Sortiment verbannt. "Zum Schutz der Kunden haben wir schnell reagiert", sagt ein Metro-Sprecher. Die Ware würde "vernichtet", so die Sprecherin von Edeka Minden-Hannover, Alexandra Antonatus. Trotzdem sind die Verbraucher skeptisch – auch bei deutschem Gemüse. Vor allem in Norddeutschland bleiben die Bauern auf ihrer Ware sitzen. Bauern-Präsident Gerd Sonnleitner befürchtet bereits Schäden von mehr als zwei Millionen Euro pro Tag. In Brandenburg habe es schon die ersten Entlassungen auf den Höfen gegeben, sagte der Präsident des Landesverbands Gartenbau, Jörg Kirstein, der Nachrichtenagentur dpa.

Die Verunsicherung bekommt auch die Ökobranche zu spüren. Mittlerweile lassen die Leute "alles liegen, was irgendwie grün ist", klagt Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg. Sogar Obst werde verschmäht. Burkhard Paschke, Verkaufsleiter vom Terra Naturkosthandel in Berlin, berichtet davon, dass selbst der Absatz von frischen Kräutern zurückgegangen ist. "Das können wir uns überhaupt nicht erklären", sagt er.

Auch bei Tomaten stockt der Absatz. Beim Salat ist er sogar um 60 bis 65 Prozent gesunken. Paschke hofft, dass sich die Situation möglichst schnell wieder normalisiert. Derzeit jedenfalls sei es "für alle Erzeuger und Handelsstufen eine Katastrophe". Laut Manuel Pundt von der Bio Company erkundigen sich viele Kunden nach der Herkunft der Ware.

Das Ökodorf Brodowin (Barnim) hat bei seinem frischen Salat aus eigenem Anbau unterschiedliche Reaktionen beobachtet. Bei den Kunden, die direkt in Brodowin bestellen, sei keine Zurückhaltung zu spüren, erklärt Geschäftsführer Ludolf von Maltzan. Beim Absatz über den Großhandel sei dagegen "mehrere Tage lang Flaute" gewesen. Von Maltzan betont, dass in Brodowin Gülle gar nicht eingesetzt werde. Was ihn die Absatzflaute genau gekostet hat, kann er noch nicht einschätzen. Aber so viel ist klar: Die vergangenen Tage "haben eine Menge Nerven gekostet", so von Maltzan.

Etwas gelassener reagieren scheinbar die Kunden im konventionellen Handel. "Hier ist es ländlich, die Leute sind normal", sagt der Edeka-Händler Claus Hellwig aus Ortrand (Oberspreewald-Lausitz). Die Mutter Edeka Minden-Hannover insgesamt spricht von nur leichten Rückgängen. Bei der Metro sei der Absatz von Salat und Gurken nur in geringem Umfang zurückgegangen, sagt der Sprecher des Handelskonzerns. Auf dem Neuruppiner Wochenmarkt (Ostprignitz-Ruppin) verbuchten Händler am Freitag sogar Zuwächse – für Gemüse vom eigenen Hof.

Abschätzen lassen sich die wirtschaftlichen Schäden noch nicht. In Deutschland soll jede dritte verkaufte Gurke aus Spanien kommen – bisher zumindest. Insgesamt sind das Branchenkreisen zufolge 180.000 bis 190.000 Tonnen im Jahr, ein Wert von 140 bis 360 Millionen Euro. Die Händler konnten aber aktuell offenbar auf Ware aus anderen Ländern ausweichen.

In Brandenburger Restaurants ist unterdessen von der allgemeinen Beunruhigung wenig zu spüren. Die Kunden würden nach wie vor ihren Salat bestellen, erklärt Mario Kade, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Brandenburg. Kade, der in Potsdam das Restaurant "Am Pfingstberg" betreibt, achtet beim Gemüsekauf darauf, dass die Ware nicht aus Spanien und den Niederlanden kommt.

Kade betont, dass sämtliche Produkte "ordentlich gewaschen und geputzt" werden. An die Dehoga-Betriebe sei zudem ein Schreiben geschickt worden, in dem noch einmal auf die Einhaltung der Hygienestandards und der aktuellen behördlichen Empfehlungen hingewiesen wird.