Online Einkaufsführer Newsletter Veranstaltungskalender


Detailansicht
03.02.2011 - Romantik war gestern (Märkische Allgemeine)

Die Biobranche gewinnt an Gewicht und muss sich mit neuen Problemen beschäftigen.

Es klingt etwas wehmütig, wenn Ökobauer Sascha Philipp davon erzählt, dass ihm die "Fundamentalisten" der Öko-Idee fehlen würden. Diejenigen, die mal mit Latzhosen auf dem Ökoacker angetreten waren, um die Welt zu retten. Die Philipp zufolge vor allem einen "dauerhaft tragfähigen Landbau" wollten, der auch für die Generationen nach uns "die Welt in den Fugen hält". Diejenigen, die sich im Winter gern mal mit Steckrüben auf dem Speiseplan begnügten, weil das Angebot an Bioprodukten außerhalb der Saison recht überschaubar war.

Heute sind die Weltretter in der Minderheit auf dem Biomarkt. Der Großteil der Kunden, die sich für Bioprodukte entscheiden, würde sich längst nicht mehr so mit dem Ökogedanken beschäftigen "wie die, die vor 20 oder 30 Jahren Bio gekauft haben", sagt Philipp, Geschäftsführer der Landgut Pretschen GmbH & Co. KG (Dahme-Spreewald). Sie wollen vor allem etwas für sich selbst, für "eine bewusste und gesunde Ernährung" tun. Und jedes Mal, wenn ein neuer Nahrungsmittelskandal hochkocht, greifen noch mehr Leute in den Supermärkten ins Bio-Regal, um auf Nummer sicher zu gehen. Aber das sei der Lauf der Dinge, tröstet sich Philipp und betont: "Wir haben den Anspruch, zum Massenmarkt zu werden."

Die Biobranche ist auf dem besten Weg dahin. In der Hauptstadtregion steigen die Umsätze mit Bioprodukten Jahr für Jahr meist um zweistellige Prozentraten. Bio hat Einzug in den normalen Lebensmittelhandel gehalten. Auch Discounter bieten Bio. Und der Fachhandel für Biokost glänzt mit Vollsortimenten von bis zu 8.000 Artikeln. Inklusive Zitrusfrüchten und Reis, Obst und Gemüse – das ganze Jahr über. Auch dank zahlreicher Importe, mitunter über viele Tausend Kilometer hinweg. Aber passt das überhaupt zu einer Öko-Idee, der es um die Schonung der Umwelt geht?

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) verweist auf seiner Internetseite auf eine Studie zur Öko-Bilanz von Biobananen aus der Dominikanischen Republik. Danach entfallen rund 72 Prozent der Emissionen von Treibhausgasen allein auf den Transport der Biobanane, die per Schiff aus der Karibik nach Europa verfrachtet wird. Lediglich fünf Prozent macht die eigentliche landwirtschaftliche Erzeugung aus. Der Rest entfällt auf Verpackung und Reifung.

"Ich esse fürs Leben gern Bananen", bekennt BÖLW-Vorstandsvorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein. Und wenn er da zugreife, möchte er sich für "die Produktion der Frucht nicht schämen". Deshalb kommt für ihn nur Bio infrage. Der vergleichsweise schlechten Ökobilanz stellt er die Vorteile der ökologischen Produktion gegenüber wie die umweltschonende Erzeugung, weniger Belastungen für Natur und Mensch und die Möglichkeit für die Bauern, Geld zu verdienen. Dafür lohne sich der Transport allemal, resümiert Löwenstein, der viele Jahre in der Entwicklungshilfe gearbeitet hat.

Ulrich Köpke, Professor am Institut für Organischen Landbau der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, findet sogar Argumente für einen Transport von Ökoprodukten per Flugzeug. Beispiel Uganda: Dort nehme der ökologische Landbau eine "sehr positive Entwicklung". Bekanntes Produkt seien kleine Bananen "in höchster Qualität", so Köpke. Das Land habe keinen Zugang zum Meer. Es bleibe also nur die Luftfracht, "damit die Entwicklung dort gefördert werden kann".

Den Import von "Früchten, die bei uns nicht gedeihen", hält auch Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau (FÖL) in Berlin und Brandenburg, für volkswirtschaftlich sinnvoll. Schon allein, um die Verbraucher gut zu versorgen. "Aber bei Spargel und Erdbeeren fällt mir kein Argument ein, warum man die zu Unzeiten haben muss", meint Wimmer unnachgiebig. Im Winter kaufe er jedenfalls keine Erdbeeren.

Zertifizierter Ökoanbau findet heute weltweit auf rund 35 Millionen Hektar statt. Das Land mit der größten Anbaufläche ist Australien, das auf rund zwölf Millionen Hektar für den Ökolandbau kommt. Es folgen Argentinien mit vier Millionen Hektar und China mit 1,9 Millionen Hektar. Von dort kommen zum Beispiel Sonnenblumenkerne auf den hiesigen Markt, erklärt Wimmer. Frischeprodukte wie Obst und Gemüse beziehe der deutsche Biomarkt häufig aus Mittelmeerstaaten wie Spanien, Ägypten oder Israel.

"Wir haben im Biobereich einen von der Nachfrage getriebenen Markt", so Köpke von der Bonner Universität. Die Kunden wollen Bio. Viel Bio. Mehr als die einheimische Landwirtschaft derzeit liefern kann. Bei Frischobst liegt der Importanteil bei fast 70 Prozent. Deutschland ist Europas größter Markt für Bioprodukte. "Das Potenzial ist grandios", schwärmt Köpke.

Deutschlands Ökobetriebe bewirtschafteten im vergangenen Jahr eine Fläche von rund 979.000 Hektar. Das ist ein Plus von 14 Prozent gegenüber 2007 und ein Anteil von rund sechs Prozent an der gesamten Agrarfläche. Brandenburg liegt mit einem Flächenanteil von 10,5 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Und noch etwas ist größer in Brandenburg und in den neuen Ländern insgesamt. Während der durchschnittliche deutsche Ökobauer rund 60 Hektar Land bewirtschaftet, sind die Flächen hierzulande im Durchschnitt etwa dreimal so groß. Selbst Ökobetriebe mit rund 1.000 Hektar Land sind keine Seltenheit.

"Na, ist doch prima!", ruft Uni-Professor Köpke aus. Größe des Betriebes und Qualität in der Bioproduktion würden sich nicht ausschließen. Auch für den BÖLW-Vorstandschef Löwenstein ist das Bild vom "kleinen und schnuckligen Ökohof" längst "nicht mehr zutreffend". Traditionell seien die Agrarstrukturen im Osten größer. Und wenn Betriebe den Ökolandbau als "wirtschaftlich sinnvollere Alternative" ansehen und deswegen auf Öko umstellen, dann sei das doch auch ein Einstieg, sagt Löwenstein. Die Ideale der Weltverbesserer hin oder her. Für ihn steht fest: "Man muss nicht unbedingt die richtigen Motive haben, um das Richtige zu tun."

Ökobauer Sascha Philipp kam in den 90er Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Brandenburg. Zu seinem Hof gehören mehr als 800 Hektar Land. Dass sich große Flächen und Ökolandbau widersprechen würden, sei "die Mär, die aus der westdeutschen bäuerlich geprägten Region kommt", sagt er. Philipp führt seinen Betrieb nach den Regeln des Anbauverbandes Demeter. Gern verweist der Ökobauer auf die Wurzeln der Demeterbewegung, die bis in die 1920er Jahre zurückreichen. Gutsherren, also Besitzer von Großbetrieben, haben sich damals Gedanken darüber gemacht, wie gute Bodenqualität erhalten werden kann.

Doch die Größendebatte in der Biobranche geht längst über die Agrarflächen hinaus. Im Landkreis Dahme-Spreewald wird derzeit heftig über die Pläne von Biobauern gestritten, Stallanlagen für fast 40.000 Legehennen zu bauen. Das sei zwar nach den Spielregeln der Europäischen Union für den Ökolandbau machbar, räumt FÖL-Chef Wimmer ein, aber "in die Landschaft passt das nicht". Er empfiehlt, "nicht nur auf die Masse zu schielen".

"Klasse statt Masse" – das war der Slogan, mit dem die Grünenpolitikerin Renate Künast die Agrarwende einläutete. Hin zu mehr Ökolandbau. Vor zehn Jahren hatte sie den Posten der Bundesagrarministerin übernommen. "Was ist Masse?", fragt heute Anna Maria Häring, Professorin für Ökonomie und Vermarktung im ökologischen Landbau an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (Barnim). Sei Öko etwa schon deshalb Masse, weil die Discounter mitmischen? Sie sehe es durchaus auch positiv, dass Bioprodukte heute sehr gut verfügbar sind.

Vor zehn Jahren noch sei der Bioeinkauf "richtig Arbeit" gewesen, erinnert sich Häring. Kartoffeln bei dem einen Bauern. Eier beim nächsten . . . Jetzt hat schon der Supermarkt um die Ecke ein gutes Bioangebot. Doch trotz aller Wachstumsraten dürfe eines Häring zufolge nicht vergessen werden: Bio hat immer noch nur einen kleinen Anteil am Lebensmittelmarkt. Etwa 3,5 Prozent. "Masse ist relativ", so Häring.