Die Biobranche muss bei den Kontrollen nachlegen, sagt Michael Wimmer, Chef der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg.
MAZ: Die Stiftung Warentest hat bei Bioprodukten Mängel in Geschmack und Konsistenz festgestellt. Warum soll der Verbraucher Bioware kaufen, die 30 bis 50 Prozent teurer ist als konventionelle Produkte?
Michael Wimmer: Weil Bio deutlich mehr ist als die Konsistenz des Milchschaums auf einem Cappuccino. Bioprodukte definieren sich auch über artgerechte Tierhaltung, Klimaschutz und besondere soziale Verantwortung bei der Herstellung. Außerdem kann Bioware nicht 1:1 mit konventionellen Produkten verglichen werden.
Warum nicht?
Wimmer: Man muss bei Bioprodukten berücksichtigen, dass bestimmte Wundermittel und Geschmacksverstärker nicht eingesetzt werden dürfen. Das macht auch die eigentliche Qualität solcher Erzeugnisse aus. Ein Beispiel: Bei einem Cappuccino-Vergleich wurde dem Bioerzeugnis angekreidet, dass der Schaum nicht die übliche Konsistenz habe und schneller zerfalle. Die Erklärung dafür ist ganz einfach. In dem Bioprodukt dürfen keine Stabilisatoren enthalten sein.
Also sind die festgestellten Mängel kein Hinweis auf mangelnde Qualitätskontrollen?
Wimmer: Klar ist, dass sich die Öko-Zertifizierung bisher auf den Produktionsprozess konzentriert hat. Es galt sicherzustellen, dass die Produkte nach Ökorichtlinien hergestellt werden. Die Überprüfung der Produktqualität wurde dem Markt überlassen. Da müssen wir nachlegen. Denn der Verbraucher, der zu Bioware greift, kann zu Recht erwarten, dass er ein Qualitätsprodukt kauft. So etwas wie mit dem Dioxin in Bioeiern darf nicht passieren. Da wurde vergessen, Rückstandsproben zu nehmen.
Ein Großteil der Erzeugnisse wird importiert. Wie sollen da Erzeugung und Qualität überprüft werden?
Wimmer: Je anonymer und weitläufiger die Produktionskette ist, desto intransparenter wird das Ganze. Deshalb tut der Verbraucher gut daran, möglichst viele Erzeugnisse aus deutschen Landen und der Region zu kaufen. Da habe ich diese Sorgen gar nicht. Aber wir kommen nicht daran vorbei, in dem Maße, in dem der Markt größer wird, auch die Spielregeln zu verschärfen und mehr zu kontrollieren.
Wie vertragen sich lange Importwege mit dem Anspruch von Klimaschutz?
Wimmer: Das verträgt sich grundsätzlich schon. Durch die deutsche Nachfrage nach Importen sind viele Länder auf den Biozug aufgesprungen. Italien zum Beispiel. Dort wurde zunächst nur fürs Ausland produziert, jetzt hat sich in Italien auch ein Biomarkt entwickelt. Wir exportieren sozusagen die Attraktivität des Biomarktes.
Und die Transportkosten?
Wimmer: Der Punkt ist marginal im Vergleich zu den Vorzügen der schonenden Landbewirtschaftung, des Artenschutzes und auch des fairen Umgangs der Marktakteure miteinander.
2009 stagnierten die Umsätze. Hat die Branche Probleme?
Wimmer: Im Gegenteil: 2009 ist die Biobranche ganz gut durch die Krise gekommen: Die Preise sind gesunken, der relative Marktanteil ist aber gestiegen, auch wurde mengenmäßig mehr Bio gekauft.
Gerade die Ökobranche steht für Klasse statt Masse. Ist bei den Discountern nicht zu viel Masse im Spiel?
Wimmer: Auch deren Biosortiment hat mehr Klasse als konventionelle Produkte, denn das deutsche Biosiegel garantiert auch im Discounter Mindeststandards der Bioqualität. Wem aber die Unterstützung unserer Bauern wichtig ist, der ist im Bio- oder Hofladen besser aufgehoben.
Wie entwickelt sich der Biomarkt 2010?
Wimmer: Erfreulich, allein der Fachhandelsumsatz ist im ersten Quartal um 9,1 Prozent gewachsen. Bio ist und bleibt ein Megatrend, denn die Themen tropischer Regenwald, Klimaschutz und gesunde Ernährung verlieren nicht ihre Bedeutung, wenn ein Importeur schlampt oder der Cappuccino-Schaum nicht fein genug ist.
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Die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) veröffentlicht regelmäßig einen Bio-Einkaufsführer für die Region. In der aktualisierten Ausgabe sind mehr als 350 Adressen von Biohöfen, Naturkostläden, Bio-Supermärkten und Bio-Restaurants enthalten.


