In Friedrichshain-Kreuzberg sollen Caterer künftig jede Mahlzeit für höchstens zwei Euro anbieten. Die ersten Firmen springen ab.
Gut 150.000 Kinder und Jugendliche ernähren sich in Berlin mittags vornehmlich vom Schulessen, allen voran die Jüngeren in der Grundschule. Das Land hat sich dazu verpflichtet, qualitativ hochwertige Angebote zu machen, so soll jede Mahlzeit täglich Rohkost, also Obst oder Salat enthalten. Das warme Essen, das häufig in großen Kesseln angeliefert wird, soll spätestens drei Stunden nach der Abfüllung verzehrt sein. Experten wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gehen davon aus, dass ein gesundes Schulessen mindestens 2,50 Euro pro Portion kosten sollte.
In Berlin wird dieser Wert aber derzeit nirgendwo erreicht. Bedenklicher noch: Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat bei seiner aktuellen Ausschreibung zur Vergabe des Catering-Auftrags sogar festgelegt, dass das Schulessen künftig noch weniger kosten muss als in den Vorjahren. Das angelieferte Schulessen darf dort nur noch höchstens zwei Euro kosten. Bisher galt eine Kostenobergrenze von 2,05 Euro.
Daraufhin haben nun Essensanbieter aufgegeben. Der Caterer "Drei Köche", der bisher Schulen im Bezirk beliefert, hat sich an der Ausschreibung, deren Frist gestern abgelaufen ist, nicht beteiligt. "Bei diesem Preisdumping machen wir nicht mit", sagte Geschäftsführer Klaus Kühn. Sonst greife man zwangsläufig auf qualitativ minderwertigere Ware zurück. Auch der Anbieter GVL hat das Verfahren gerügt und nimmt nicht daran teil. "Zu diesem Preis können wir die in der Ausschreibung geforderte Essensqualität gar nicht liefern", sagte Geschäftsführer Ingo Brings.
Die Essensanbieter führen zudem an, dass die Benzinkosten für den Transport und die Lebensmittelpreise angestiegen seien. Außerdem muss nach dem neuen Berliner Vergabegesetz in der Branche, in der nicht wenige prekär Beschäftigte anzutreffen sind, ein Mindestlohn von 7,50 Euro gezahlt werden.
Verantwortlich für die Caterer-Suche ist Bildungsstadträtin Monika Herrmann von den Grünen. Sie rechtfertigt das Preisdiktat in der Ausschreibung unter anderem mit einer Regelung, die das Bundesfinanzministerium vor gut zwei Jahren bekräftigt und klargestellt hatte: Anbieter, die von der Herstellung bis zur Essensverteilung alles aus einer Hand anbieten, müssen dafür 19 statt sieben Prozent Mehrwertsteuer zahlen. Hundefutter indes wird mit dem ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent besteuert. Dies habe ebenfalls zur Kostensteigerung beim Schulessen geführt, was nun aufgefangen werden müsse, so Herrmann.
Eine Elterninitiative hat sich gebildet. In Berlin zahlen Eltern monatlich 23 Euro für das Schulessen, 17weitere Euro überweist das Land. Der Zuschuss ist seit Jahren konstant geblieben. Er bemisst sich nach dem Mittelwert, den alle Bezirke für das Schulessen aufbringen. Die genaue Berechnung dieses Mittelwertes gilt unter Experten aber als gut gehütetes Geheimnis. Häufig finanzieren die Bezirke das Schulessen zusätzlich noch aus anderen Haushaltsposten.
Tatsache ist: Für das Schulessen steht immer weniger Geld zur Verfügung, da die Nebenkosten steigen. Herrmann fordert nun, dass das Land den Bezirken pauschal etwa 2,50 Euro für das Schulessen zuweist. Das wäre ihrer Ansicht nach transparenter. Auch Michael Jäger von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung, die bei der Senatsbildungsverwaltung angesiedelt ist, sieht hier "Handlungsdruck, um zu Lösungen zu kommen". Er bedauerte es zudem, dass das Schulessen kaum einer Lebensmittelkontrolle unterliege.
Manche Experten befürchten, dass langfristig nur wenige Großanbieter übrig bleiben. Dann sei es womöglich günstiger und bekömmlicher, ein kommunales Unternehmen zu gründen, das Essen anbiete. In Frankreich oder Italien schreiben solche kommunalen Firmen tatsächlich schwarze Zahlen.
Die größten Anbieter, die Empfehlungen
Empfehlungen: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, dass Schulessen generell als Menü serviert werden soll, also mit Vorspeise (Suppe oder Rohkost), Hauptgang sowie Dessert oder Obst zum Schluss. Gemüse, Obst oder Salat sollen stets dabei sein. An den Schulen sollen täglich mindestens zwei verschiedene Menüs angeboten werden. An vielen Berliner Schulen gibt es schon jetzt auch vegetarische oder für muslimische Kinder schweinefleischfreie Menüs.
Speisen und Getränke: Fleisch soll mager sein und ausschließlich aus Muskelfleisch bestehen, Seefisch aus nicht überfischten Meeresregionen soll einmal pro Woche angeboten werden, heißt es in der neuen Handreichung der Vernetzungsstellen Schulverpflegung. Salz soll sparsam verwendet werden, Rapsöl ist der Standard in der Speisezubereitung. Ein 0,2-Liter-Getränk gehört zu einem Menü dazu, es sollte Wasser und ungesüßter Kräuter- oder Früchtetee sein.
Herstellung: Viele Großanbieter stellen Essen in Großküchen zentral her. Mitunter werden Kartoffeln chemisch geschält, Fertiggewürzmischungen im großen Stil verwandt. Die genaue Dosierung ist eine Herausforderung. Das Essen wird mit dem Auto teilweise über lange Strecken von Schule zu Schule gefahren. Wichtig ist, dass das Essen nach der Abfüllung nicht länger als drei Stunden herumsteht. Speisen müssen mindestens eine Verzehrtemperatur von 65 Grad haben.
Verteilung: Die Berliner Bezirke geben unterschiedlich viel Geld für das Schulessen aus, laut dem Mittelwert der Finanzverwaltung investieren Treptow-Köpenick und Reinickendorf wenig (1,82 und 1,89 Euro pro Portion), Pankow und Steglitz-Zehlendorf kostet das Schulessen nach den neuesten Ausschreibungen besonders viel (2,20 und 2,30 Euro). Dort ist der Bioanteil besonders hoch, und sicherlich war hier auch der Druck der Eltern besonders groß. Geklärt wird noch, wie das im "Bildungspaket" vorgesehene kostenlose Mittagessen verrechnet wird.
Marktführer: Der französische Großkonzern Sodexo gilt als der größte Anbieter von Schulessen in Berlin, er kocht Essen für verschiedene Preisstufen. Vor Jahren übernahm Sodexo auch den Berliner Essensanbieter Bärenmenü. Das Essen von Sodexo wird zumeist in Großküchen vorbereitet. Das Unternehmen praktiziert das neue Verfahren namens "cook and chill", das bereits gegarte Essen wird gekühlt und dann erst vor Ort in großen Öfen wieder langsam erwärmt.
Postbank-Lieferant: Die 1993 gegründete Firma Sunshine hat ihren Sitz in Hoppegarten am östlichen Berliner Stadtrand. In insgesamt acht Großküchen werden täglich 160.00 Portionen hergestellt, die in Schulen in Berlin und Brandenburg angeboten werden. Auch die Deutsche Postbank in Kreuzberg wird von Sunshine beliefert,
Hoher Bioanteil: Der 1994 gegründete Essensanbieter Luna hat stets Wert darauf gelegt, einen hohen Bio-Anteil im Schulessen anbieten zu können. Laut Firmenangaben bietet Luna seit dem Schuljahr 2004/05 Essen mit einem Bioanteil von sogar 100 Prozent an. Der Essenstransport zumeist aus dem Gewerbehof Ruhleben erfolgt in speziellen Wärmebehältern aus Edelstahl.
Neues Management: Die Gastronomische Versorgungsleistung GmbH (GvL) hat ihren Sitz in Marzahn. Das Unternehmen stellt nach eigenen Angaben täglich gut 8.000 Essensportionen in Großküchen her. Seit kurzer Zeit hat das Unternehmen den neuen Geschäftsführer Ingo Brings.


