Online Einkaufsführer Newsletter Veranstaltungskalender


Detailansicht
11.03.2010 - "Überflüssig wie ein Kropf" (Märkische Allgemeine)

Der Bauernbund kritisiert die Zulassung der gentechnisch veränderten Kartoffel Amflora durch die EU-Kommission.

In der vergangenen Woche hat die EU-Kommission den Anbau der gentechnisch veränderten Kartoffel Amflora für industrielle Zwecke und zum Verfüttern zugelassen. Umwelt- und Bauernverbände kritisieren diesen Schritt. Mit Reinhard Jung, Landwirt und Geschäftsführer des Brandenburger Bauernbundes, sprach Cornelia Felsch.

MAZ: Herr Jung, seit Jahren kämpfte die Firma BASF um die Zulassung der Genkartoffel. Nun darf sie in Europa angebaut werden. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Reinhard Jung: Für die Landwirtschaft ist die Zulassung kein Grund zur Freude. Die Amflora ist überflüssig wie ein Kropf. Und nachdem wir ein Jahr Ruhe hatten, geht die ganze Gentechnik-Diskussion jetzt vermutlich wieder von vorne los.

Wodurch unterscheidet sich die Kartoffel Amflora von anderen Sorten mit hohem Stärkegehalt?

Jung: Die Stärkebestandteile in einer Kartoffel sind Amylopektin und Amylose. Für die Weiterverarbeitung gebraucht wird vorwiegend das Amylopektin. Die von BASF gentechnisch veränderte Amflora enthält nur noch Amylopektin, das heißt die Amylose braucht nicht mehr in der Stärkefabrik abgetrennt zu werden.

Das klingt doch wirtschaftlich interessant. Weshalb bezeichnen Sie die Amflora trotzdem als "überflüssig wie ein Kropf"?

Jung: Die von BASF entwickelte Kartoffel ist deshalb relativ unspektakulär, weil dieselben Eigenschaften inzwischen von mehreren mittelständischen Züchtern auf konventionellem Wege erreicht wurden. Wie auch bei anderen Anwendungen, etwa beim Gen-Mais, ist die Grüne Gentechnik aus produktionstechnischer Sicht völlig überflüssig.

Die Anbaugenehmigung für Amflora wurde erst nach vielen Jahren erteilt. Wie groß ist die Gefahr für Umwelt und Verbraucher, etwa durch gentechnisch veränderte Bestandteile im Tierfutter?

Jung: Ehrlich gesagt haben wir uns mit diesen Fragen nicht intensiv beschäftigt ? hier sind die Umweltschützer die besseren Ansprechpartner. Für uns als Landwirte steht die betriebswirtschaftliche Seite im Vordergrund.

Welche betriebswirtschaftlichen Konsequenzen sehen Sie denn für einen Landwirt, der die Genkartoffel anbauen möchte?

Jung: Die Amflora ist, wie alle gentechnisch veränderten Pflanzen, patentiert. Die Eigentumsrechte liegen ausschließlich bei der Industrie. Der Landwirt muss sie sich jedes Jahr neu durch Lizenzzahlungen erkaufen. Mit den Patenten auf gentechnisch veränderte Organismen wollen Konzerne wie BASF und Monsanto uns das Eigentum an Nutzpflanzen und Nutztieren streitig machen. Deshalb ist es für die Landwirtschaft die sicherste Lösung, ganz auf Gentechnik zu verzichten.

Was folgt für Sie aus der Anbaugenehmigung?

Jung: Wegen der Amflora mache ich mir erst mal wenig Sorgen. Es gibt wie gesagt keinen Grund, sie anzubauen. Wer es trotzdem macht, erhält Geld aus dem Werbeetat von BASF. Beängstigend finde ich allerdings die Aussage im Berliner Koalitionsvertrag, die Bundesregierung wolle Amflora unterstützen. Das muss man sich mal vorstellen: Im Regierungsprogramm für ein 80-Millionen-Volk wird die Unterstützung einer Kartoffelsorte vereinbart. Das zeigt, wie weit der lange Arm von BASF reicht. Wir Bauern müssen uns in Zukunft warm anziehen.

Hat der Bauernbund eine Strategie, wie er die Landwirtschaft vor der Gentechnik schützen will?

Jung: Unser Ansatz ist, die Patentierung von Lebewesen grundsätzlich zu verbieten. Dafür ist allerdings eine Änderung der EU-Biopatentrichtlinie erforderlich, und das braucht noch einen langen Atem.

Wíe sollten sich nach Ihrer Meinung jetzt die Landwirte verhalten?

Jung: Kurzfristig können Agrarbetriebe sich zu gentechnikfreien Regionen zusammenschließen wie im Landkreis Prignitz mit mittlerweile fast 30 000 Hektar. Es ist schon viel gewonnen, wenn wir Landwirte uns wieder mehr auf unser ackerbauliches Know-how verlassen als auf irgendwelche Heilsversprechungen der Industrie. Hilfreich wäre auch mehr Gemeinsamkeit im Berufsstand. Leider lässt sich der Bauernverband nicht zu klaren Positionen in dieser Frage bewegen.