Renommierte Auszeichnung für ein ungewöhnliches Videoprojekt aus Strodehne
Es gibt ihn wirklich, den Rinderflüsterer. Wilhelm Schäkel heißt er und führt im nordbrandenburgischen Zempow eine Bio-Ranch. Wenn Wilhelm Schäkel von seinen Kühen was will, dann brüllt er sie nicht an. Er pfeift ihnen nicht ins Ohr, er schlägt und schubst sie nicht und treibt sie auch nicht mit Gerten durchs Gehege. Stattdessen geht er auf sie zu, sucht den Blickkontakt und gibt ihnen durch Gestik und Körperhaltung zu verstehen, dass er als Freund kommt. Und meist erreicht er so, was andere mit rabiateren Mitteln zu erlangen suchen.
Tatsächlich handelt es sich bei dieser Art von Kommunikation zwischen Mensch und Tier um eine von Experten anerkannte Methode. Low-Stress-Stockmanship lautet der Fachbegriff. Mit ihr sollen der Stress und die Angst beim Tier vermindert werden.
Roland Eckelt wird einen Film über die Arbeit des Rinderflüsterers drehen. Rund fünf Minuten lang soll der Streifen werden. Das Besondere an dem preisgekrönten Projekt besteht darin, dass Eckelt ein und dieselbe Szene aus drei Perspektiven filmt: Aus der Sicht des Rinderflüsterers, aus der Sicht eines Rindes und aus einer distanzierten Beobachterposition. Jeder dieser Filme wird mit einer anderen Farbe koloriert (rot, grün, blau). Bei der Vorführung werden sie übereinander projiziert.
Der Zuschauer, der es sich nach alter Väter Sitte vor der Leinwand gemütlich machen will, dürfte einigermaßen überrascht sein. Denn er sieht nichts als ein graues, konturloses Bild. Erst wenn er eine von drei Spezialbrillen aufsetzt ? diese werden übrigens eigens für das Projekt in den Rathenower Optischen Werken hergestellt ? lüften sich die Schleier. Die Brillen filtern spezielle Farben heraus, sodass je nach Wahl der Brille einer der drei Ursprungsfilme sichtbar wird.
Und was soll das Ganze? Er wolle den Prozess der Wahrnehmung sichtbar machen, sagt Roland Eckelt. Der Mensch nehme die Umwelt immer nur von einem Standpunkt zur Kenntnis: Seinem. Dabei stelle sich ein- und derselbe Sachverhalt ganz anders dar, wenn man sich mal die Mühe mache, ihn aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Das zu verdeutlichen, sei ihm ein Anliegen.
Wie bei allen Arbeiten des Ateliers Havelblick wird dieser Denkanstoß nicht mit dem didaktischen Holzhammer verabreicht. Zwar geht es Eckelt darum, Gewohnheiten in Frage zu stellen, eingefahrene Denkmuster aufzubrechen und den Blick zu weiten ? aber er tut dies nie mit dem Pathos des weltverstehenden Künstlers. Eckelt liebt das Spiel, die ironische Brechung, den augenzwinkernden Unernst. Wer hat, um beim Beispiel zu bleiben, die Mühen eines Rinderflüsterers schon jemals aus den Augen einer Kuh betrachtet?
Eckelt scheut sich übrigens nicht, selbst weihevollste Orte in sein ironisches künstlerisches Spiel einzubeziehen. Vor dem Portal des ehrwürdigen Ribbecker Schlosses hat er jüngst eine von zwei funkelnden Vasen einfach auf den Kopf gestellt. Nun sieht man Besucher mit fragendem Blick vor der spiegelnden Skulptur stehen. "Muss das so sein?", ist in ihren verblüfften Gesichtern zu lesen. "Oder hat der Handwerker beim Aufstellen einen schlechten Tag erwischt?"
Roland Eckelt freuen solche Reaktionen. Und er würde den Fragenden eine Antwort geben, die als Motto auf einem seiner Kataloge steht: "Wer immer dasselbe sieht, sieht nichts."


