TV-Moderator Dieter Moor ist Brandenburgs liebster Schweizer. Sein amüsantes Buch über das Leben als hier ansässiger Bio-Bauer hat das Herz des Märkers höher schlagen lassen. Nun folgt ein zweites Werk: ein Kochbuch. Über die Notwendigkeit einer solchen Publikation sprach mit dem 52-Jährigen Marika Bent.
MAZ: Dank Ihres Buches über das Leben als Bio-Bauer ("Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht") ist weithin bekannt, dass Sie sich in Ihrer neuen Heimat, in Hirschfelde (Barnim), sehr wohl fühlen. Nur eines haben Sie einmal kritisiert, nämlich die "kulinarische Gleichgültigkeit" in der Region. Haben Sie deshalb an einem Kochbuch mitgearbeitet?
Dieter Moor: Nein, natürlich nicht. Aber in der Tat haben wir in der ersten Zeit hier Schwierigkeiten gehabt, Bio-Produkte in den Supermärkten der Umgebung zu finden. Da waren wir von der Schweiz verwöhnt. Doch hier hat sich in den vergangenen sieben Jahren viel getan. Der eigentliche Auslöser für das Kochbuch war ein Besuch bei Sabine Schneider auf ihrem Hof bei Demmin in Mecklenburg-Vorpommern.
Sie hat uns wunderbar bekocht und wir haben viel über Essen geredet. Darüber, dass man keine tolle Küche, keine tollen Geräte haben muss und trotzdem toll kochen kann. Sie hatte schon ein Kochbuch veröffentlicht, das in Fachkreisen sehr beliebt ist und das es aber nicht mehr gibt, weil der Verlag pleite gegangen ist. Aufgrund dieses ersten Büchleins haben wir die Idee gehabt, ein Neues herauszubringen, zu dem Sabine die Rezepte, ich ein paar Geschichten und ein Fotograf Fotos beisteuert.
Es gibt Tausende von Kochbüchern. Was kann ich aus diesem noch lernen?
Moor: Sabine ärgert sich halt, dass Spitzenköche zwar Kochbücher schreiben, aber manches eben doch nicht verraten, damit es dann bei ihnen im Lokal noch besser schmeckt. Das Hauptproblem bei vielen Kochbüchern ist das Einkaufen: Man hat lange Listen und muss den halben Tag nach den Zutaten herumrennen. Wir wollten ein Buch schreiben, das von einer Vorratskammer und einem Kühlschrank ausgeht. Man guckt hinein und lässt sich inspirieren. Das Buch soll dabei helfen, so vorzugehen, wie die berühmten Hausfrauen früher, die aus allem etwas zaubern konnten. Es gibt diese edle Küche oder die kunstvolle Küche, die mit uns aber nichts zu tun hat, weil sie uns nicht ernährt. Unsere Küche ist die der Frauen. Und es ist eine Küche, die mit den Jahreszeiten geht.
Was essen Sie am liebsten?
Moor: Es gibt ein paar Sachen, die ich nicht gern esse, zum Beispiel fetten Fisch oder rote Beete. Ansonsten bin ich jemand, der in einer Gaststätte keine Speisekarte braucht. Ich brauche einen Wirt, der sagt: Heute gibt’s! Und dann setze ich mich hin und esse.
Ihre Familie entstammt dem unteren Schweizer Mittelstand. Ihr Vater war Feinmechaniker, später Versicherungsdirektor, Ihre Mutter Sekretärin. Woher rührt bei Ihnen die Freude an der Landwirtschaft?
Moor: Mein Vater hat bäuerliche Wurzeln. Als Kind wollte ich Bauer werden, war aber sehr dünn und blass, ein Knochengestellchen. Deshalb hat man mir den Bauern ausgeredet. Meine Großmutter, die auf dem Dorfe lebte, hatte Angst, dass die Nachbarn denken, wir kriegen nichts zu essen. Sie hat immer Essen in uns hineingewürgt. Im Sommer war ich oft bei ihr auf dem Lande. Dort hatten die Bauernkinder ihre Aufgaben, die waren wichtig. Ich durfte bei der Heuernte mithelfen, obwohl ich so ein Mickerling war.
Wenn Heuernte war, mussten die Kinder helfen. Ich war wirklich ein schwaches Kind und wahrscheinlich eher eine Last, aber ich durfte mitmachen. Am Ende des Tages hat mir die Bäuerin auf meine schmale Schulter geklopft und sich bedankt. Sie hat einen Luftballon aufgeblasen und mit einem Filzstift draufgeschrieben: dem besten Heuer Dieter. Da kriege ich heute noch eine Gänsehaut. Das war wertvoll.
Nun sind Sie ein Pendler zwischen den Welten geworden, einerseits im Mediengeschäft zu Hause, andererseits mit Ihrer Frau Sonja Besitzer eines Bio-Bauernhofes.
Moor: Ja, ich bin noch Pendler zwischen zwei Welten. Wobei die Welten kein Widerspruch sind. Die gehören beide zum großen Plan. Die Medienwelt ist das perfekte Werkzeug, um das Projekt Hirschfelde zu finanzieren und bekannt zu machen. Mich freut, dass ich so eine Dauerhaftigkeit in mein Leben bekomme. In der Landwirtschaft zählen andere Zeiträume. Wenn wir jetzt Hecken anpflanzen, um Bodenerosionen zu verhindern, dann werden diese Hecken ihre volle Wirkung entfalten, wenn wir schon nicht mehr da sind. Das gefällt mir. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese Welt die andere noch sinnvoll fände. Mit Anfang 50 muss ich mir schon die Sinnfrage stellen.
Und wie lautet Ihre Antwort?
Moor: Es ist das Schicksal des Planeten, dass es ihn irgendwann nicht mehr gibt. Und es ist mein Schicksal, dass es ihn gerade jetzt eben gibt. Das Ende, der Tod gehört zum Leben dazu, dass wir geliebte Menschen verlieren, dass wir krank werden oder auch nicht. Die für mich interessante Frage lautet nicht, ob es Schicksalsschläge gibt, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Es geht nicht darum, ob ich glücklich bin. Es geht darum, was ich mache aus dem, was mir zur Verfügung steht.
Ihr Buch ist auch ein Plädoyer, artgerechte Nutztierhaltung und gute Küche als Einheit zu begreifen. Es spannt den Bogen zu den aktuellen Lebensmittelskandalen.
Moor: Es gibt einen weit verbreiteten Widerspruch in der Landwirtschaft, der besagt, man solle sich nicht emotional an die Tiere binden, die man später schlachtet. Das ist ein Problem der konventionellen Tierhaltung. Je gnadenloser die Schlachterei ist, desto mehr muss man sich einreden, dass das Gegenstände sind und keine Tiere. Ein System, das die Natur ausbeutet, sie vergiftet und die Tiere schlecht behandelt, ist aber immer auch ein menschenverachtendes System.
Wir halten unsere Rinder wesensgerecht. Das heißt, wir kümmern uns mit Respekt um die Tiere, denn sie ernähren uns. Ich bin gern mit ihnen zusammen. Der Moment des Tötens ist ein schwieriger, es ist ein Abschied, bei dem ruhig auch geweint werden darf. Die Verachtung für die Tiere in der normalen Nutztierhaltung ist schrecklich. Da herrscht die gleiche Denke, die auch Dioxin, Genmanipulationen oder Gorleben zulässt, die sich nicht um die Folgen für uns und nachfolgende Generationen schert, sondern nur an den kurzfristigen Reibach denkt.
Wie gehen Sie damit um?
Moor: Man kann damit nicht umgehen, sonst wird man wahnsinnig. Wir haben hier die arschlochfreie Zone ausgerufen. Ich bin optimistisch, weil der Mensch im Unterschied zu den Tieren ein paar Möglichkeiten hat sich zu wehren, indem er seine Fantasie einsetzt. Wir können uns zumindest vorstellen, wie es anders gehen kann. An dieser Stelle bin ich manchmal eher verzweifelt, weil ich mich frage, warum so viele Menschen mit sich machen lassen. Deshalb bin ich froh, wenn sich die Leute gegen Bevormundung aus der Politik zur Wehr setzen und wie in Stuttgart oder Gorleben demonstrieren. Bei "Stuttgart 21" staune ich, wie viele da mitmachen. Ich meine, wir reden über Stuttgart! Über die braven, fleißigen, protestantischen Schwaben. Und wenn die sich auf ihre Hinterbeine stellen, will das etwas heißen.
Sabine Schneider, Dieter Moor: "Ganz & Einfach – tempofrei kochen", Kindler, 288 Seiten, 24,95 Euro


