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01.09.2010 - Warum in die Ferne schweifen (Berliner Zeitung)

Sie nennen sich Nahesser: Verbraucher, die ausschließlich Produkte aus der Region verzehren

Die Kiwis aus Neuseeland haben sie von ihrem Speisezettel längst gestrichen, auch Äpfel aus Südafrika kommen nicht in die Einkaufstüte. Locavores, zu Deutsch Nahesser, ernähren sich von dem, was aus der Region stammt. Nicht weiter als 200 Kilometer zum eigenen Haus dürfen Kartoffeln, Tomaten und Gurken reisen. Diese Beschränkung basiere nicht nur auf der besseren Klimabilanz, sondern auch auf der besseren Qualität der nahen Produkte, sagen die Überzeugten.

Wer ein lupenreiner Nahesser sein will, kommt um Bio-Produkte nicht herum. In Fertigwaren stecken zu viele Bestandteile, deren Herkunft die Kunden kaum überblicken können. Andererseits: Bio allein genügt nicht. Seitdem aus dem ökologischen Landbau ein weltweites Geschäft geworden ist, werden Bio-Produkte in etwa 120 Ländern angebaut, so der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in Berlin. Was nützt es aber schon, wenn Lebensmittel ökologisch angebaut werden, aber zum Kunden um die halbe Welt reisen?

Ein Apfel, der aus Chile nach Berlin eingeflogen wird, wurde mit der 520-fachen Menge Energie im Vergleich zu einem Apfel vom Bodensee erzeugt, so Nutzpflanzenwissenschaftler Jens Wegner von der Universität Göttingen. Allein in einer Scheibe Brot können bis zu sechs verschiedene Getreidesorten enthalten sein, die eventuell aus Frankreich oder sogar Kanada stammen, sagt Joachim Weckmann, Geschäftsführer der ökologisch produzierenden Firma Märkisches Landbrot.

In Deutschland sind waschechte Nahesser noch selten. In Berlin haben sich die 40 Mitglieder der Initiative In Transition das Nahessen auf die Fahnen geschrieben. Um Fertigwaren machen sie einen Bogen, ebenso um Supermärkte. "Man muss Essen ein Stück weit neu erfinden", sagt Nahesserin Claudia Spiller. Sie ernährt sich bereits seit sieben Jahren ausschließlich von Bio-Produkten. Auf ihrem Speiseplan: saisonale Produkte. Im Winter gibt es keine Tomaten, im Herbst keinen Spargel. Lebensmittel, auf die sie nicht verzichten will, kocht sie ein. "Vor 100 Jahren war das ja noch normal."

Ihr Gemüse bekommt Claudia Spiller vom Ökobauern Simon Junge aus dem Spreewald. 2,5 Hektar Acker und drei Hektar Weideland besitzt Junge, dazu vier Kühe und eine Handvoll Hühner. Der Öko-Bauernhof "Löwengarten" ist überschaubar und produziert doch genug Obst und Gemüse für 60 Familien. Möhren und Kartoffeln wachsen auf dem Pritzener Hof, außerdem Kürbisse, Wurzelgemüse, Zucchini, Tomaten und Salat. Gelernt hat Junge sein Handwerk in einem konventionellen Bauernbetrieb. Doch er hatte schnell die Nase voll von hybriden Rapssorten, die Probleme haben zu reifen, und minderwertigen Möhrensorten, die rasch verderben. "Wir zerstören zuerst den Boden und dann uns selbst", sagt er heute.

Mit einem geschenkten Spaten in der Hand und Ich-AG-Papieren in der Tasche machte sich Junge 2006 daran, ökologische Lebensmittel zu erzeugen. Seitdem will er auch für Brandenburg untypische Gemüsesorten auf dem märkischen Sandboden heimisch machen. Schließlich stammen fast alle heute bei uns gängigen Obstsorten ursprünglich aus Persien und das Getreide aus dem Orient. In dieser Tradition sollen demnächst Melonen, Feigen und sogar ostasiatische Yam und Batate im Spreewald sprießen. Die Chancen, dass das klappen könnte, stehen gar nicht schlecht: Sonnenblumenkerne werden mittlerweile in Franken produziert, in der Freiburger Region gedeiht sogar Soja.

Einmal in der Woche bringt Junge seine Lebensmittel nach Berlin. "Löwengarten"-Mitglieder zahlen einen Monatsbeitrag von zehn Euro, aktive Mitglieder legen außerdem einen Jahresbeitrag von 500 Euro auf den Tisch. Die Kunden sollen aber nicht nur kaufen, sondern auch produzieren. Wer Mitglied im Löwengarten werden will, muss mindestens drei Tage im Jahr auf dem Spreewald-Hof aushelfen.