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17.12.2010 - "Wir haben es satt" (Junge Welt)

Umwelt- und Landwirtschaftsgruppen fordern radikale Wende in der Agrarpolitik und haben Großdemonstration anläßlich der "Grünen Woche" im Januar in Berlin angekündigt

Die jährlich Ende Januar stattfindende Internationale Grüne Woche Berlin (IGW) ist die weltweit wichtigste Messe der Ernährungs- und Landwirtschaft. Dort drängeln sich nicht nur über 400.000 Besucher durch die prall mit Fressständen gefüllten Messehallen. Auch die europäischen Agrarpolitiker und die großen Konzerne und Verbände der Branche geben sich unter dem Funkturm die Klinke in die Hand.

Ein breites Bündnis von Agrar-, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen nimmt dieses Ereignis zum Anlaß, um für den 22. Januar bundesweit zu einer Großdemonstration in Berlin unter dem Motto: "Wir haben es satt – Nein zu Gentechnik, Tierfabriken und Dumpingexporten" zu mobilisieren. Zu den Initiatoren gehören unter anderem die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, der Anbauverband Bioland und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

Adressat des Protestes ist in erster Linie die Bundesregierung. Diese setze weiter auf den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft, auf gesetzliche Privilegien für industrielle Massentierhaltung sowie auf eine aggressive Exportstrategie, welche kleinbäuerliche Existenzen in ärmeren Ländern vernichte und somit das Hungerproblem verschärfe, wie es in dem Aufruf heißt. Zudem blockiere die Koalition eine nachhaltige EU-Agrarreform und treibe die Industrialisierung der Landwirtschaft dramatisch voran. Die Förderung für den Ökolandbau kürze sie unterdessen. Weiter heißt es: "Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes und der Bekämpfung des Hungers ist ihr Ziel, die Macht über Saatgut, Tiere und Lebensmittel in den Händen weniger Großkonzerne zu konzentrieren".

"Wir werden es nicht zulassen, daß die Bundesregierung nach dem Durchmarsch der Atomindustrie auch noch den Durchmarsch der Agrarindustrie organisiert, auf Kosten von Umwelt, Tierschutz und Ernährungssicherheit", erklärte Felix Kolb, einer der Sprecher des Bündnisses. Statt dessen kämpfe man für eine "ökologische, bäuerliche und global gerechte Agrarpolitik als Antwort auf die Herausforderungen von Welthunger, Klimawandel und Artensterben."

Auch Verbraucher sähen sich wegen industriefreundlicher Kennzeichnungsregeln bei Lebensmitteln willentlich fehlinformiert und leisteten Widerstand gegen Gentechnik in der Landwirtschaft und das Vordringen von Agrarfabriken in ländlichen Regionen. Gefordert wird ferner das Verbot der Patentierung lebender Organismen sowie das der Spekulation mit Lebensmitteln und Agrarrohstoffen

Als prominenter Redner auf der Demonstration wird der Träger des diesAlternativen Nobelpreises 2010, Nnimmo Bassey aus Nigeria, zu den Auswirkungen der deutschen und europäischen Agrarpolitik in Entwicklungsländern Stellung nehmen. Bassey ist einer der wichtigsten afrikanischen Umweltschutz- und Menschenrechtsaktivisten. Er ist Leiter der nigerianischen Nichtregierungsorganisation Environmental Rights Action und Vorsitzender von Friends of the Earth International, dem weltweit größten Umweltschutzverband mit Mitgliedsorganisationen in 77 Staaten.

1990 wurde er Zeuge eines Massakers im Nigerdelta, wo die großen Ölkonzerne mit Unterstützung der Regierung ganze Landstriche völlig verwüsten. 80 Menschen wurden damals vom nigerianischen Militär ermordet, weil sie den Shell-Konzern bei Protestaktionen für die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen verantwortlich gemacht hatten. Seitdem kämpft der vormals erfolgreiche Architekt für die Rechte der dort ansässigen Bevölkerung.

Die Mobilisierung für die Demonstration am 22.1. in Berlin laufe auf Hochtouren, meldete das Organisationsbüro vor einigen Tagen. Aus dem ganzen Bundesgebiet würden Traktoren, Sonderbusse und Themenwagen in die Hauptstadt fahren. Vor allem Aktive aus gentechnikfreien Regionen, Bürgerinitiativen für Bauernhöfe statt Tierfabriken und zahlreiche Eine-Welt-Gruppen hätten sich angekündigt. Die Organisatoren erwarten mehrere tausend Menschen. Ohnehin ließen sich viele Landwirte nicht mehr alles gefallen, heißt es unter Verweis auf die Aktionen der bäuerlichen Notgemeinschaft im Wendland gegen Castortransporte und auf den monatelangen Protest der Mitglieder des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter.

Mehr: www.wir-haben-es-satt.de