"Wir werden gerne zum Sündenbock gemacht" (Süddeutsche Zeitung) | Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau e.V. Online Einkaufsführer Newsletter Veranstaltungskalender


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18.01.2018 - "Wir werden gerne zum Sündenbock gemacht" (Süddeutsche Zeitung)

Im Ringen um ein Glyphosat-Verbot erhöhte die Bundesregierung den Druck auf die Landwirte. In dieser Legislaturperiode soll das Pflanzengift aus dem Verkehr gezogen werden. Bauernpräsident Joachim Rukwied meldet daran Zweifel an und warnt vor den Folgen.

SZ: Herr Rukwied, Umweltministerin Hendricks will das Aus für Glyphosat beschleunigen. Deutschland soll bis 2021 aussteigen. Halten Bauern das für machbar?

Joachim Rukwied: Das würde schwer werden. In manchen Jahren brauchen wir Bauern Glyphosat, um umweltschonende Bodenbearbeitung durchzuführen.

Es gibt den Verdacht, dass Glyphosat Krebs erregt. Belegt ist, dass der Stoff die Artenvielfalt bedroht. Das schadet letztlich den Bauern selbst. Da fragt man sich doch eher: Warum nicht verbieten?

Das sehe ich anders, weil der wissenschaftliche Nachweis einer Gesundheitsgefahr ganz klar nicht erbracht wurde. Ein Verbot löst die Herausforderungen der Landwirtschaft ja nicht. Die Folge wäre, dass Landwirte künftig anders arbeiten müssen, etwa wieder häufiger pflügen. Das ist weniger klimafreundlich. Es erhöht das Erosionsrisiko. Und es bedeutet stärkere Kostenbelastungen, die uns im internationalen Vergleich Nachteile bringen: mehr Treibstoffe, der häufigere Einsatz großer Maschinen und mehr Arbeitskräfte. Ich glaube, dass der gelegentliche Einsatz von Glyphosat der geringere Umwelteingriff ist.

Der Streit steht für das Misstrauen zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft. Am Wochenende drohen neue Großdemos. Fürchten Sie nicht, dass der Graben bei einer harten Haltung größer wird?

Wir nehmen die Dinge ernst. Richtig ist: In der Politik werden die Debatten schärfer. Wir spüren aber trotzdem bei den Bürgern ein Grundvertrauen in die Landwirte. Wir machen ja auch niemandem etwas vor: Landwirtschaft findet in der Natur stattm un  hat Einfluss auf Natur, Biodiversität und Insekten. Das ist logisch. Aber wir versuchen, diese Folgen möglichst klein zu halten. Auch sind wir nicht die Einzigen, die in der Natur etwas beeinflussen, werden aber gerne zum Sündenbock gemacht.

Was meinen Sie?

Beispiel Flächenverbrauch. Wir haben in den vergangenen 25 Jahren mehr als eine Million Hektar an landwirtschaftlicher Nutzfläche an Siedlungen und Verkehr verloren - fast die landwirtschaftliche Nutzfläche Baden-Württembergs. Damit schwindet auch der Lebensraum für Insekten.
Das hat mit Veränderungen der Infrastrukturen wie dem Wachstum von Städten, mit dem Bau von Straßen und Autobahnen zu tun - nicht mit den Bauern. So etwas kommt in der Debatte oft zu kurz.

Das Bundesamt für Naturschutz gibt Bauern wegen Pestiziden und Monokulturen eine Mitschuld am massiven Artensterben. Ist nicht die Zeit gekommen, mehr Verantwortung zu übernehmen?

Wir Bauern sind auf Insekten, auf eine intakte Natur und ein stabiles Klima angewiesen. Wir wirtschaften in der Natur. Wenn sich da etwas verschiebt, hat das direkten Einfluss - auch wirtschaftlichen. Deshalb tun wir ja längst einiges. In meinem eigenen Betrieb haben wir 2017 eine Fläche von zehn Fußballfeldern für Blühwiesen angesät. Viele Bauern handeln ähnlich. Die Politik hat dafür Förderprogramme aufgelegt. Aber da kann noch mehr passieren.

Was fordern Sie?

Unterstützung beim Klimaschutz zum Beispiel. Mir macht es Sorgen, dass der politische Wille erlahmt. Wir spüren die Folgen der Erderwärmung ja schon deutlich. Wetterkapriolen wie Starkregen nehmen bei Häufigkeit und Intensität zu.

Die Afrikanische Schweinepest kommt Deutschland bedrohlich nah. Nimmt die Politik die Seuche ernst genug?

Die Vorsorge muss verbessert werden. Wenn der Erreger über Lebensmittel eingeschleppt wird, kann er bis zu 100 Tage in der Natur infektiös bleiben. Wir müssen an den Transitstrecken aus betroffenen osteuropäischen Ländern dafür sorgen, dass keine Lebensmittel an Autobahnen liegen bleiben. An den Rastplätzen sind die Mülltonnen teilweise aber noch immer ungesichert. Das muss sich ändern. Wir haben weitere Präventionsmaßnahmen vorgeschlagen, die notwendig sind, um unser Land vorsorglich vor dem Virus zu schützen. Den Bauern und dem gesamten Wirtschaftssektor droht beim Ausbruch eine desaströse Krise. Das Einschleppen muss mit aller Macht verhindert werden.

Beim Wandel zu umweltverträglicher Landwirtschaft scheint der Markt längst weiter als die Bauern. In Deutschland werden mehr Bio-Produkte gekauft als produziert. Warum lassen sich die deutschen Erzeuger dieses Geschäft entgehen?

So einfach ist die Welt nicht. Die Bio-Produktion ist momentan auf zusätzliche staatliche Förderung angewiesen. Bio-Landwirte bekommen etwa 20 000 Euro mehr für ihren höheren Aufwand im Rahmen von Agrarförderprogrammen als konventionell wirtschaftende. Die Fläche des Bio-Landbaus wächst, aber eben langsam.

Die Kritik an der Tierhaltung wächst. Eine große Koalition will Regeln verschärfen und ein staatliches Label einführen. Sie bleiben skeptisch. Warum?

Wir haben ja schon die privatwirtschaftliche Initiative Tierwohl auf freiwilliger Basis. Mittlerweile werden fast ein Viertel aller Schweine unter besseren Haltungsbedingungen gemästet. Diesen Erfolg dürfen wir nicht gefährden. Wenn wir darüber hinaus ein staatliches Label einführen, wünschen wir uns eine Verzahnung. Eine Konkurrenz für das bestehende freiwillige System durch staatliche Vorgaben ohne Ausgleich für höhere Kosten lehnen wir ab. Das würde den Strukturwandel - das Aus für schwächere Betriebe - beschleunigen.